früher | Februar, 2011

Labor meets Liebe
Gelegenheits-Sex

28 Feb

Während der große Zeiger unaufhörlich der Schließzeit entgegenwandert, suchen die Augen der einsamen Dame an der Bar die schummrige Eckkneipe nach einer Begleitung für die Nacht ab. Doch tun sie das wirklich?

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Empirisch gesehen erscheint die Situation zumindest eher unrealistisch. Man stelle sich vor: Ein junger Mann wandert über den Campus und spricht eine attraktive Frau an mit der Frage „Würdest Du heute abend mit mir ausgehen?“. Ungefähr die Hälfte der Frauen lässt sich darauf ein (keine schlechte Quote…), doch sobald es zu der Frage „Würdest Du heute abend mit mir ins Bett gehen?“ kommt, bricht diese Sympathie-Bekundung ab. Zumindest in dem klassischen Experiment von Clark und Hatfield (1989) war keine einzige Frau dazu bereit, konträr dazu jedoch 75% der Männer (wenn eine junge Frau ihnen eben diese Frage stellte).

Warum dieser Unterschied – Sex ist doch für alle Beteiligten begehrenswert? Conley (2011) fand heraus, dass das vor allem daran liegt, dass Männer weniger sexuell kompetent wirken als Frauen (sie bieten also keine sichere sexuelle Zufriedenheit). Ein weiterer Grund ist, dass Männer darüber hinaus gefährlicher wirken. Bei einem Angebot von einer attraktiven Berühmtheit würden Frauen allerdings genauso oft zuschlagen wie Männer. Und die Pointe dabei: Wenn Männer ein anzügliches Angebot von einer unbekannten Frau (unbekannten Aussehens) erhalten, dann sagen sie genauso wahrscheinlich zu wie zu einem Intermezzo mit Angelina Jolie. Frauen sind da vorsichtiger und würden zwar mit Brad Pitt eine Nacht verbringen, jedoch genauso ungern mit einer unbekannten Person das Bett teilen wie mit Donald Trump (und das will schon was heißen).

Was lernen wir daraus? Ein gutaussehender Mann mit überzeugenden sexuellen Qualitäten hat bei Frauen sehr gute Chancen auf ein unverfängliches Abenteuer. Unabhängig vom Geschlecht sind aber nicht alle Personen für solche Unternehmungen zu haben, das ist auch von der allgemeinen soziosexuellen Ausrichtung abhängig, also der Lust auf freie Liebe. Wer seine soziosexuelle Ausrichtung mal testen möchte sei hier auf einen Fragebogen von Lars Penke verwiesen oder auf einen Online-Fragebogen im Stern. Letzterer fördert allerdings so erstaunliche Horoskop-ähnelnde Phrasen wie „Überhaupt drückt sich bei Ihnen die Liebe vor allem körperlich aus“ in Kombination mit „In der Liebe sind Sie ein Diplomat“ zutage.

Aber kommen wir noch einmal zur Ausgangssituation zurück: Der einsamen Dame an der Theke. Mickey Gilley sang bereits 1975 von der Beobachtung „Don’t the girls all get prettier at closing time“ (siehe unten), was Pennebaker und Kollegen vier Jahre später in einer Studie tatsächlich bestätigen konnten. Je später der Abend und je näher der Thekenschluss, desto attraktiver wirken die Damen auf die Herren. Doch Vorsicht bei der Unterstellung sexuellen Interesses: Männer überschätzen dieses bei Frauen, genauso wie einer neuen Studie von Kunstman und Maner (2011) zufolge übrigens Vorgesetzte bei Ihren Mitarbeitern (und dies gilt für Männer und Frauen gleichermaßen).

Mickey Gilley – Don’t The Girls All Get Prettier At Closing Time:

Kaum hat man es dann mit jemandem an einen mehr oder weniger heimeligen Ort geschafft, kommt gleich die nächste Herausforderung. Die naive Autorin dieses Artikels sah Kondomgebrauch zwar als Selbstverständlichkeit an (gehört das nicht seit Jahren zum guten Ton?), doch die Hank Moodys und Julian Assanges dieser Welt lehren uns eines besseren. In einer Studie von Tybur und Kollegen (in press) konnte die Intention Kondome zu nutzen mithilfe eines (unappetitlichen) Tricks allerdings erhöht werden: Bei Fäkalgeruch stieg die Intention Kondome zu benutzen. Ungewiss bleibt allerdings wie sich das auf die Lust auf das Miteinander auswirkt.

Doch was bedeutet das für den Praktiker? Der Schluss liegt nahe, bei einem Bestehen des One-Night-Stand-Partners auf diese Form der Verhütung an den eigenen Duftstoffen zu zweifeln. Genauso wenig praktikabel erscheint es mithilfe dieses Wissens die Bereitschaft des/r Auserwählten für das Kondom zu erhöhen (für die wenig zimperlichen gibt’s den Duft übrigens hier). Aber belassen wir es lieber dabei, dass der Gestank daran erinnert, dass neben all dem Gute-Laune-Blümchenduft auch Schadstoffe herumschwirren können und deshalb ein Kondom immer angebracht ist (wir nur manchmal zu verblendet sind um uns dessen bewusst zu sein). Hierzu noch mal eine ansprechende Anregung von mach’s mit.

Das Fazit für heute: Die Dame aus unserem Anfangsbeispiel wird wohl eher nicht eine Begleitung für die Nacht suchen. Und wenn doch, dann bleibt sie zumindest nicht lang allein an der Bar sitzen. Oder, um es mit den Worten des Wissenschaftlers Russ Clark zu sagen: „A woman, good looking or not, doesn’t have to worry about timing in searching for a man. Arrive at any time. All she has to do is point an inviting finger at any man, whisper ‘Come on ’a my place,’ and she’s made a conquest.”.

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Vielen Dank an Henning, der mich auf die Studie von Tybur und Kollegen aufmerksam machte und um praktische Implikationen bat. Beim nächsten Mal geht es dann auf Wunsch einer betroffenen Dame um das Thema „Zu schüchtern zum Speed-Dating?“

Labor meets Liebe

20 Feb

Mein optimistisches Ich unterstellt der Wissenschaft und ihren neuesten Erkenntnissen gern und selbstbewusst eine gewisse Alltagstauglichkeit (auch um selbst reinen Gewissens die zahlreichen eigenen „geopferten“ Lebensstunden und steuerzahler-bezahlten Arbeitsstunden zu rechtfertigen). Und um den Elfenbeinturm und das wahre Leben weiter zu verknüpfen starte ich hiermit meinen kleinen Beziehungsratgeber, der es zum Ziel hat einen Ausschnitt aktueller Studien zum Miteinander vor, während und nach Beziehungen kurz vorzustellen. Anekdoten aus dem eigenen Leben oder den gehörten Erfahrungen der Schwester des Ex-Freundes der Mitbewohnerin sind wie immer herzlich willkommen.

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Ähnlichkeit ist sexy. Das häufig beobachtete Phänomen wird gemeinhin assortive mating genannt. Und so erstaunt es auch nicht, dass sich die schnieke Junge Liberale in den aufstrebenden Junior Manager verguckt und der Greenpeace-Anhänger der PETA-Aktivistin Blumen schickt. Neben solchen Oberflächlichkeiten versteckt sich die Ähnlichkeit aber manchmal auch im Detail, wie Pennebaker und Kollegen kürzlich herausfanden: Personen, die sich in ihrer Art zu sprechen, unabhängig vom eigentlichen Inhalt des Gesprochenen, ähneln, mögen sich mehr. Je nach Benutzung von Pronomen, Artikeln und Co (den Funktionswörtern) steigt oder sinkt das Interesse am Anderen (beim Speed-Dating) oder die Stabilität der Beziehung (bei Langzeit-Partnern).

  • Das Fazit: Das Wie ist wieder einmal wichtiger als das Was und wer sich schon mal mit unerklärlicher Hingezogenheit konfrontiert sah, kann das jetzt vielleicht mit der unbewussten Übereinstimmung des Subtextes erklären.
  • zum Weiterlesen: Ireland et al., Psychological Science, 2011

Die Treue: Gern genommen, aber nicht immer gehalten. Wer sich manchmal nicht zurückhalten kann, der kann das jetzt wissenschaftlich fundiert mit seiner fehlenden exekutiven oder kognitiven Kontrolle rechtfertigen (möglicherweise). Und wer sich um die Treue der geliebten Person sorgt, kann sie oder ihn mal „unauffällig“ testen. Einfach eine Liste mit Farbworten in unterschiedlicher Farbe vorlegen (beispielsweise rot – blau – gelb – … in den Farben rot – gelb – blau – …) und die Farbe der Worte nennen lassen. Wenn das nicht so gut klappt (der/die Lieblingsliebste sich also durch das Geschriebene ablenken lässt, beispielsweise blau sagt statt gelb beim gelben Wort blau), dann sind die Sorgen eventuell berechtigt.

Doch was tun, wenn der/die Liebste zur Risikogruppe gehört? Zumindest eines sollte man laut DeWall und Kollegen nicht tun, nämlich die attraktiven jungen Damen beziehungsweise Herren aus dem Blickfeld räumen. Dann rächt sich nämlich das Sprichwort „Forbidden fruit is the sweetest“, indem die Zufriedenheit in der Beziehung sinkt, die Untreue immer reizvoller erscheint und alternative Partner dem/der Umworbenen noch mehr ins Auge springen.

Vielleicht tröstet eine Studie von Wilson und Kollegen über diese Zwickmühle hinweg. In dieser fanden die Kollegen nämlich heraus, dass Unsicherheiten darin ob und wie sehr man gemocht wird, die Attraktivität steigern kann. Dann allerdings nicht bei einem selbst, soll heißen: Je unsicherer ich bin, desto attraktiver wirkt die verunsichernde Person auf mich. Und wo tröstet das jetzt? Nun, zum einen ist das verliebt sein an sich ja schon wünschenswert (und damit potentiell steigerungswert) und zum anderen hat man so im schlimmsten Fall wenigstens eine Strategie für die nächsten Lieblingsliebsten (einfach die Intention charmant verschleiern).

Wie und warum der weibliche Zyklus den Flirterfolg erhöht, wer sich eigentlich wann und vielleicht auch warum auf Gelegenheitssex einlässt und weitere Goldstücke aus dem Potpourri der Beziehungsforschung gibt’s bald, beim nächsten sonntäglichen Blick durchs Schlüsselloch in das doch nicht ganz so fade Uni-Labor.

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Abschließend gibt’s noch ein Lieblings-Liebes-Lied der Extraklasse. Beim Anhören bietet es sich an entweder die Augen zu schließen oder durch die Wohnung zu tänzeln (das steigert den Genuss und vermeidet das Ansehen des dazugehörigen leicht dämlichen Videos):

The Divine Comedy – Perfect Lovesong