früher | April, 2011

Labor meets Leben
Du schreibst was Du bist!?

25 Apr

Foto von Zen

In jedem Buch versteckt sich auch ein Stückchen Autobiographie und jede gelesene Seite scheint einem häufig den Autor etwas näher zu bringen. Aber wieviel von uns steckt eigentlich wirklich in unseren Texten?

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Wenn Menschen über eigene wichtige Erlebnisse oder Erinnerungen schreiben, dann sagen die Texte, auch über das Eigentliche hinaus, etwas über den Schreibenden aus. McAdams fand mit Kollegen (2004), dass sich anhand der Komplexität des Geschriebenen zum Beispiel phantastisch auf die Offenheit des Autors schließen ließ. Offene Menschen neigen nämlich deutlich mehr dazu verschiedene Blickwinkel und diverse Emotionen zu berücksichtigen. Die Verträglichkeit einer Person zeigt sich dagegen eher in ihrem Fokus auf Aspekten, die mit Gemeinschaft zu tun haben. Solche freundlichen Personen schreiben nämlich häufiger von Liebe und Freundschaft, Hilfsbereitschaft und Zusammengehörigkeit. Weniger positiv sieht es wieder bei den neurotizistischen Menschen aus. Wer sich durch seine Nervosität und Traurigkeit auszeichnet, der schreibt auch eher Deprimierendes.

Etwas unterhaltsamer untersuchte der gute Albrecht Küfner das Phänomen zusammen mit Kollegen (2010). Er bat Personen darum, in wenigen Minuten eine Geschichte um die Worte Flugzeugabsturz, Zimmermädchen, Feuerwerk, Mittelalter und Supermarkt zu basteln. Trotz kurzer (und vermutlich absurder) Geschichten, die nicht zwingend etwas mit der eigenen Biographie zu tun hatten (wie auch…), konnte aus dem Text recht gut auf die Verträglichkeit und Offenheit des Schreibenden geschlossen werden. Der verträgliche Mensch neigte dazu, besonders positiv zu schreiben und von sozialen Aspekten zu berichten, während der offene Mensch neben einem positiven Schreibstil auch zur Kreativität neigte. Interessiert sich der Lesende allerdings für den Neurotizismus, die Extraversion oder Gewissenhaftigkeit des Schreibenden, so wird er kaum Aussicht auf Wissenserweiterung haben – dies ließ sich in den Texten nämlich nicht korrekt erkennen.

Nun verhält sich das wahre Leben, weit weg vom Labor, manchmal erfrischend anders. Das dachte sich wohl auch Yarkoni (2010), als er sich aufmachte um Blogger und die dazugehörigen Blogs zu untersuchen. In fast 700 Blogs beobachtete er zahlreiche Zusammenhänge zwischen dem Schreibstil des Bloggers und seiner Persönlichkeit (obwohl hierbei unklar bleibt, ob dem Lesenden diese Verknüpfungen auch gelingen würden). Wie erwartet bloggt der Neurotizistische eher über Schreckliches, Deprimierendes und Beschämendes, während der Extravertierte über Drinks, Tanzen, Pools und Mädchen philosophiert (erstaunlicherweise auch über Großväter!). Der Offene schreibt über Kunst, Film, Literatur und Sex und der Gewissenhafte über Erledigtes und Abenteuer. Der Verträgliche liebt den Frühling und vermeidet Pornographie, schreibt über Schönheit, Freude und Umarmungen und dies ganz ohne Schimpfworte zu benutzen.

Der Lesende darf sich an dieser Stelle kurz zurücklehnen und über die Persönlichkeit des Lieblingsautors, des Verfassers des Buchs auf dem Nachttisch oder der Schreibenden dieses Artikels philosophieren. Doch Achtung: Auch wenn dem Kenner die Texte so einiges über den Schreibenden erzählen können, so führen viele Fährten auch in die Irre und dem Neuling sei empfohlen sich auf Schlussfolgerungen zu beschränken, die auf die Verträglichkeit und Offenheit abzielen. Weitere Mutmaßungen sollten mit Vorsicht angestellt werden und letztendlich empfiehlt die Autorin an dieser Stelle (wie so oft) das persönliche Zusammenfinden (beim leckeren Drink am schönen Pool nach einem Gespräch über Film und Literatur…).

Labor meets Liebe
Sex als Liebes-Retter

10 Apr

Foto von John A. Ryan

Nach zwei, spätestens drei, Jahren Beziehung ist die Verliebtheit meist vorüber. Doch wann und wie halten wir zusammen, wenn die Schmetterlinge verflogen sind? Wer passt zu wem und was kann man tun, wenn die Anfangsbedingungen doch nicht so optimal sind?

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Gleich und gleich gesellt sich gern. Und scheint damit, zumindest beziehungstechnisch, auch erfolgreich zu sein. Obwohl sich Psychologen noch uneins darüber sind wie ähnlich sich Paare tatsächlich sind, gibt es doch einige Indizien dafür, dass sich Partner in allerlei Eigenschaften ähneln, wie beispielsweise in ihrer Attraktivität, Religiosität und sozialen Schicht. Rammstedt und Schupp (2008) haben an meinen Lieblingsdaten herausgefunden, dass sich Paare aus Deutschland auch in ihrer Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit für Neues sehr ähneln. Interessanterweise ist diese Ähnlichkeit in langandauernden Beziehungen umso stärker. Das heißt: Entweder wir werden uns in Beziehungen immer ähnlicher (und jeder kann hier bestimmt mindestens eine anschauliche Anekdote anstimmen) oder nur die Beziehungen sind stabil, in denen sich die Partner einander ähneln.

Glücklicher scheinen ähnliche Paare jedenfalls nicht zu sein, wie Dyrenforth mit Kollegen (2010) herausfand. Es scheint also durchaus andere, eventuell wichtigere Faktoren als die Ähnlichkeit zwischen den Partnern zu geben, die bestimmen ob eine Beziehung glücklich ist. Man stelle sich einen groben, egoistischen, unhöflichen Mann, also eine unverträgliche Person, vor. Auch wenn eine Ähnlichkeit in der Verträglichkeit in einigen Fällen beziehungsförderlich sein mag, so hat die Beziehung vermutlich mehr Aussicht auf Erfolg, wenn wenigstens der weibliche Part in diesem Zweierlei verträglich ist, also mit Nachsicht und Bedacht die (vielleicht manchmal auch liebenswerten) Macken des Partners ausgleicht. Zumindest zeigen Jensen-Campbell und Kollegen (2010) allerlei Vorzüge auf, die solch verträglichen Menschen passieren, unter anderem auch Erfolg in der Beziehung.

Als Risikoeigenschaft schlechthin gilt meist der Neurotizismus. Nicht nur im Bereich Beziehungen übrigens. Personen dieser Risikogruppe sorgen sich häufig, sind nervös und können oft nicht gut mit Stress umgehen. Menschen mit dieser Eigenschaft sind unzufriedener mit ihrem Leben, ihrer Beziehung und ihrem Sexualleben, womit quasi alles Bedeutende abgedeckt wäre. Nun gibt es glücklicherweise, und vermutlich jeder kennt sie, wenn er ihnen nicht sogar selbst angehört, sehr liebenswerte Neurotizisten und Russell und McNulty (2011) haben nun eine Strategie gefunden, wie sich auch mit diesen Menschen eine zufriedene Beziehung führen lässt:

Der Schlüssel zum Glück liegt beim Sex. Genauer, beim häufigen Sex. Das schöne Nebenprodukt beim Sex ist sowieso, dass es auch über den Augenblick hinaus glücklich macht und sogar noch am nächsten Tag die Stimmung hebt. Aber was heißt das eigentlich, häufiger Sex? Die (frisch verheirateten) Paare aus der Studie von Russell und McNulty (2011) berichteten durchschnittlich ungefähr 40 solcher Stimmungsheber pro Halbjahr. [Der Lesende darf sich an dieser Stelle selbstkritisch fragen, ob er in der Lage wäre sein vergangenes halbes Jahr quantitativ so eindeutig zu umfassen.] Mit ein bis zwei Mal pro Woche scheint man also ganz gut dabei zu sein, allerdings ist die Schwankung zwischen den Paaren beträchtlich („normal“ ist, wie immer, was beiden gefällt und das kann eventuell zwischen 2 und 80 Mal pro Halbjahr liegen) und nimmt über die Zeit tendenziell ab.

Wie lassen sich diese Studien aber nun auf den Alltag anwenden? Der Liebe-Suchende sollte möglicherweise bei der Partnerwahl berücksichtigen, ob die Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit für Neues bei dem potentiellen Partner vergleichbar zum eigenen Profil ist. Abgesehen davon, scheint eine verträgliche Person allgemein eine gute Partie zu sein, das heißt (a) haltet Ausschau nach umgänglichen Menschen und (b) werdet selbst umgänglich um attraktiv zu wirken und höhere Chancen auf süßen, aufgeweckten, intelligenten Nachwuchs zu haben. Darüber hinaus: Habt Sex und möglichst viel davon. Nicht nur, aber insbesondere dann, wenn ihr selbst oder der/die Lieblingsliebste zu den Sorgen-Menschen mit der Risiko-Persönlichkeit gehört. In diesem Sinne, Gute Nacht!

Labor meets Liebe
Virtueller Sex oder die Suche danach

3 Apr

Auf den Spuren der Liebe- und Sex-Suchenden: Das Internet vermag immer mehr die wichtigsten Bedürfnisse zu befriedigen. Deshalb geht es heute um die Frage: Wer befriedigt diese eigentlich wann und wie?

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Google gibt Insights for Search und macht damit deutlich, was vermutlich sowieso nicht zu leugnen war: Die Suche nach Sex ist bedeutend verbreiteter als die Suche nach der Liebe. Ganz prominent dabei „free sex“ und, als Rising Star der letzten Wochen, „we want sex“. Während die Suche nach dem Sex kontinuierlich am Wochenende ihren Höhepunkt erreicht, dümpeln die Liebe-Suchenden gleichbleibend auf weniger engagiertem Niveau vor sich hin.

Eine Ausnahme bilden dabei bedeutende Festtage: Das reguläre Wochenend-Hoch unter den Sex-Suchenden am 12. und 13. Februar beruhigte sich zwar wie gewohnt am Valentins-Montag, nahm aber ausnahmsweise am eigentlich weniger beliebten Dienstag doch noch einmal Fahrt auf und entwickelte sich zu einem wochenend-ähnlichen Hoch. In der Liebe tut sich in diesen Tagen genau das Gegenteil. Sehr erstaunlich und man fragt sich nach den Ursachen: Sind wir am Valentinstag vielleicht derart romantisiert, dass wir uns scheuen primitiven Bedürfnissen nachzugehen, welche einen Tag später dann aber doch schon wieder aus uns herausbrechen? Oder erwarten wir an diesem Tag optimistisch vermehrt eine Verknüpfung von der Liebe mit dem Sex und holen nach, was dann doch nicht eintrat? Zumindest ist ein ähnlich untypisches Sex-Such-Hoch auch über Weihnachten beobachtbar…

Das Missverhältnis zwischen den Sex- und Liebe-Suchenden ist ansonsten halbwegs stabil, zumindest wenn man von dem anscheinend heißblütigen Jahr 2006 absieht. Ganz groß beim Sex suchen sind übrigens, weit abgeschlagen, Hessen und NRW. In NRW sucht man zeitgleich aber anscheinend auch nach der Liebe, daran sind die Hessen jedoch wiederum weniger interessiert… Liegt das am Temperament des Hessen oder sucht der Liebeshungrige dort vielleicht eher einen Partner (ganz oben auch hier wieder die billige Version: „kostenlos partner finden“)?

Eine ähnliche Variante, the old fashioned way, findet man bei Google Ngram: Statt Web-Suchanfragen werden nun Buchinhalte durchstöbert. Hierbei ist die Liebe weitaus verbreiteter als der Sex, wenn auch die Bedeutung dieser neben starken Schwankungen zurzeit tendenziell abnimmt, während der Sex immer wichtiger wird. Es dürfte allerdings noch allerhand Jahrzehnte dauern bis beides vergleichbar hochfrequent beschrieben wird.

Man könnte sich fast verlaufen bei diesen herrlichen großen Datensätzen, beispielsweise auch hier mit öffentlichen Datensätzen aus allerlei Ländern zu allerlei Themen (Bevölkerung, Arbeitslosigkeit, Sterblichkeit, Energie, Autoindustrie, Gesundheit,…). Ähnlich verliebt in diese großen Datenmengen wie ich war vermutlich auch Familie Markey: Herr und Frau Markey verbrachten ihre Arbeitszeit mit der Suche nach Pornographie-Suchenden und fanden in einer famosen Studie (2010) heraus, dass Gewinner mehr Pornographie suchen als Verlierer. Gewinner waren in diesem Fall die Einwohner von Staaten, die für den gewinnenden Präsidentschafts-Kandidaten stimmten, während Verlierer die Einwohner jener Staaten waren, die für den verlierenden Präsidentschafts-Kandidaten stimmten. Ob sich aus solchen Befunden auch in Zeiten der Pille ein Baby-Boom entwickeln kann benötigt auf jeden Fall noch genauerer Betrachtung.

In unsere Form der Demokratie sind solche Gewinner-Verlierer-Analysen nicht gänzlich übertragbar, aber interessante Fragestellungen finden sich hier allemal, denn wonach sucht man denn eigentlich in Zeiten des verheerenden GAU in Japan und wie unterscheiden sich Regionen in denen Kernkraftwerke stehen von Regionen wo glücklicherweise (noch?) keine stehen? Und konnte Guttenberg nicht nur die Wissenschaftswelt gegen sich aufbringen, sondern auch das Suchverhalten (Plagiate jagen) verändern, zum Beispiel in Bayern oder gerade nicht in Bayern, aber überall sonst?

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Spannende Fragen und die Antworten liegen bestimmt irgendwo im weiten Feld des Internets. Wer auch Antworten und dabei eine Begleitung sucht, kann sich gern melden