früher | August, 2011

Labor meets Leben
Immer noch die Alte?

26 Aug

Foto von Stephen Poff

Ich bleibe ich, auch wenn ich mich verändere! Wie Heirat, Scheidung und andere bedeutende Lebensereignisse uns zu der Person machen die wir sind.

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Die Blog-Geburt damals im Zug: Der freundliche junge Mann sucht ein Gespräch. Man landet auch beim Beruflichen. – Promovieren also. Interessant. Zu welchem Thema? – Und, verändert sich unsere Persönlichkeit? – In einem Satz werden die forschungs-schwangeren letzten Monate euphorisch zusammengefasst: Oh ja, die Menschen verändern sich, aber nur ein bisschen, denn alles in allem bleibt man schon ungefähr so wie man ist. – Aha. Und was untersuchst Du dann?

Promotionen lassen sich eben doch nicht so einfach in einem Satz zusammenfassen. Den Forschenden treibt eben das Detail. Um trotzdem das Große und Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren, wird heute mal das eigene aktuelle Forschungsprodukt vorgestellt, das in dieser Woche veröffentlicht wurde. Die Frage ist: Inwiefern bleiben wir eigentlich wer wir sind und warum verändern wir uns?

Zuerst einmal: Unsere Persönlichkeit ist eine relativ verlässliche Angelegenheit. Gehören wir zu der schüchternen Sorte, dann wird das mit 60 vermutlich noch so ähnlich sein wie schon mit 20 Jahren. Auch wird eine überaus gewissenhafte Person nicht von heute auf morgen zum Schludrian. Trotzdem hat das Leben ein bisschen Abwechslung parat und deshalb kommt es natürlich auch zu einigen Veränderungen in der Persönlichkeit.

Foto von Kira Okamoto

Zum Beispiel werden die meisten Menschen in ihrem Leben immer verträglicher. Die erst noch jungen Rebellen werden im hohen Alter dann eben doch meist umgänglicher. Dafür büßen sie an Offenheit ein – Phantasie, frische Ideen und ein Faible für Kunst und Kultur sind dementsprechend eher von jüngeren Menschen zu erwarten. Der oben schon thematisierte allgemeine Schludrian wird mit dem Alter pflichtbewusster und diese Veränderung, hauptsächlich zwischen dem 20. und 40. Geburtstag, ist für psychologische Verhältnisse auch vergleichsweise umfangreich.

Nun ist die Persönlichkeit ja eigentlich das Herzstück einer jeden Person, denn was bliebe uns noch Relevantes ohne unsere Persönlichkeit? Veränderungen in der Persönlichkeit sind dementsprechend auch eine große Sache (man frage sich hier „Bin ich dann überhaupt noch ich?“) und kommen nicht von ungefähr. Vielmehr formt uns das Leben, also große Veränderungen und wichtige Erlebnisse.

Foto von Tim Forbes

Heiratet eine Person, dann ändert das zum Beispiel die Erwartungen anderer Personen an die nun Verheiratete. Die meisten Menschen werden dann weniger gesellig und auch weniger offen. Zumindest die Offenheit bekommt dann wieder Antrieb, wenn die Beziehung dann doch irgendwann in die Brüche gehen sollte. Ähnlich ist es mit der Gewissenhaftigkeit: Wenn wir den ersten Job annehmen, dann steigt unsere Gewissenhaftigkeit meist stark an, was es uns erleichtert die beruflichen Anforderungen zu meistern. Mit dem Übergang in die Rente nimmt die Gewissenhaftigkeit dann aber wieder vergleichbar stark ab, eine besonders ordentliche Lebensführung ist dann eben einfach nicht mehr notwendig.

Und dank der Anmerkung eines humorvollen anonymen Reviewers gibt es nun auch den „dirty underpants effect“. Hinter dem schmutzigen Ausdruck verbirgt sich unser Ergebnis, dass Männer beim Tod ihrer Frau deutlich gewissenhafter werden, während dieser Effekt bei Frauen nicht auftritt. Das untenstehende Foto verdeutlicht diesen Effekt sehr anschaulich: Während Männern bei klassischer Rollenverteilung im hohen Alter viele Haushalts-Aufgaben erspart bleiben, ändert sich dies natürlich bei Verlust der pflichtbewussten Partnerin. Doch der Mann, laut dem guten Martenstein oft (zu Recht) als Schlamper beschimpft, wächst an seinen Aufgaben und kann auch im fortgeschrittenen Alter noch seine ordentliche Seite kennenlernen.

Foto von Francois Rodrigue

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Es gibt sie also, die Veränderungen unserer eigentlich so tief verwurzelten Persönlichkeit, denn das Leben ist abwechslungsreich genug um uns immer neue Anpassungen abzuverlangen. Weitere und detailliertere Informationen, beispielsweise auch zu dem Einfluss anderer Lebensereignisse, gibt es in unserer Studie (Specht, Egloff und Schmukle, im Druck im Journal of Personality and Social Psychology) oder auf persönliche Anfrage. Für Nicht-Wissenschaftler gibt’s weitere Informationen zum Beispiel auch in den Pressemitteilungen der Uni Münster und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Labor meets Liebe
Intimität schlägt Leidenschaft?!

14 Aug

Foto von Courtney Carmody

Da brodelt sie wieder, die Leidenschaft, denn: neue Liebe, neues Glück. Und während sich die anfängliche Unsicherheit legt und man dem vertrauten wir entgegen gleitet, macht sich klammheimlich die Leidenschaft davon. Oder lässt sich manchmal doch beides verbinden: Intimität und Leidenschaft?

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Das Herz pocht wie wild, schlägt so hoch, dass man glaubt kaum atmen zu können, das Blut rauscht laut in den eigenen Ohren, kalter Schweiß legt einen dünnen Film auf die Handinnenflächen und dazu dieses Glücksgefühl. Wenn die Leidenschaft zuschlägt, dann spielt so mancher Körper verrückt und nicht nur dieser, auch die Gedanken schauen rosarot der neuen Liebe in die Augen. Und Sex: Bitte sofort und immer mehr davon!

Das Abenteuer neue Liebe ist jedoch spätestens dann nicht mehr dieses Abenteuer, wenn die Zweisamkeit gefestigt, vertraut und sicher ist, das neu also bereits veraltet ist. Die Leidenschaft, anfangs noch stark, sinkt mit der Dauer der Beziehung, in vergleichbarer Weise wie die Häufigkeit des Sex übrigens. Den Zusammenhang zwischen Intimität und Leidenschaft beschreiben Baumeister und Bratslavsky (1999) amüsierend trocken übrigens so: Die Leidenschaft verhält sich wie die erste Ableitung der Intimität. Das heißt: Wenn zwei Personen immer intimer werden (zum Beispiel zu Beginn einer Beziehung), dann brodelt die Leidenschaft. Verändert sich die Intimität allerdings wenig (zum Beispiel in bereits sehr intimen, langjährigen Beziehungen), dann kocht die Leidenschaft auf Sparflamme.

Ob sich Intimität und Leidenschaft tatsächlich nach diesem Muster verändert untersuchten nun Rubin und Campbell (in press) an 67 Paaren, die über 3 Wochen täglich Auskunft über sich gaben. Tatsächlich zeigte sich, dass sich selbst kleine Intimitätsänderungen über einige Tage hinweg auf die Leidenschaft auswirkte: Wenn die Intimität anstieg, dann stieg damit aber nicht nur die Leidenschaft an, sondern auch die Wahrscheinlichkeit für Sex und zwar nicht nur für typischen everyday-Sex, sondern für guten Sex (gemessen an der sexuellen Zufriedenheit). Interessanterweise stieg die Leidenschaft in einer Person aber nicht nur, wenn man sich selbst dem Partner gegenüber intimer fühlte, sondern auch allein dadurch, dass der Partner mehr Intimität fühlte.

Foto von Javier Gonzalez

Manche Menschen schaffen es dann aber doch der Zeit ein Schnippchen zu schlagen und sind selbst nach Jahrzehnten des zweisamen Glücks noch so wild aufeinander wie andere nur am ersten Tag. Diese Beobachtung machte zumindest kürzlich O’Leary mit Kollegen (in press): selbst von Personen, die länger als 30 Jahre verheiratet waren, liebten ungefähr 20-40% ihre Partner noch abgöttisch. Das klingt schon deutlich optimistischer als frühere Studien, die Liebe, Leidenschaft und Sex in langjährigen Beziehungen eher eine Außenseiterrolle zuschrieben. Noch 1965 stellten beispielsweise Cuber und Haroff fest, dass nur jede fünfte Beziehung aufgrund von Zuneigung mehr als 10 Jahre hielt, in allen anderen Fällen waren praktische Überlegungen ausschlaggebend.

Auch O’Leary fand, dass die Liebe in den ersten 10 Jahren stärker ausgeprägt ist als später, glücklicherweise endet dieser Abwärtstrend nach der ersten Beziehungsdekade und bis auf einige ups-and-downs scheint der Liebespegel danach im Durchschnitt stabil zu bleiben. Obwohl Männer und Frauen vergleichbar innig lieben, ist die Liebe für die Frauen deutlich wichtiger: Fehlt die Liebe, dann ist die Frau auch deutlich unglücklicher in der Beziehung. Sex scheint übrigens keine notwendige Bedingung für intensive Liebe zu sein. Irgendeine Form der Zuneigung sollte dann aber doch schon vorhanden sein: statt Sex können aber auch Umarmungen und Küsse die Liebe befeuern.

Foto von adwriter

Wie gut eine Beziehung funktioniert ist aber nicht nur von Liebe, Lust und Leidenschaft abhängig, sondern auch vom Einsatz der beiden Beteiligten. Engagierte lassen sich eher auf Kompromisse ein und lösen Konflikte konstruktiver. Wenig engagiert und beziehungsförderlich verhalten sich dagegen diejenigen, die mit der Beziehung nicht besonders glücklich sind oder auf den noch perfekteren Partner warten. Oriña und Kollegen (2011) fanden jetzt noch eine weitere Ursache für mangelnden Einsatz: das mütterliche Verhalten im Alter von zwei Jahren! Verhält sich eine Mutter kindgerecht, dann wird ihr Kind mit 20 Jahren eher engagiert in einer Beziehung sein als ohne dieses Familienklima. Besonders katastrophal für eine Beziehung ist übrigens, wenn ein Partner besonders hingebungsvoll, der andere Partner jedoch besonders desinteressiert ist. Wenn schon ausgeprägtes Desinteresse, dann also lieber beiderseits.

Und wo wir schon bei funktionierenden Dauerbeziehungen sind: Neff und Broady (in press) fanden heraus, dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist und kleinere Stolpersteine im Beziehungsleben langfristig besonders haltbare Verbindungen hervorbringen. Sie untersuchten Stress bei frisch Vermählten und fanden heraus, dass insbesondere die Beziehungen belastbar waren, die mit Anfangsstress zu kämpfen hatten. Also nicht aufgeben, wenn schon der Beziehungsbeginn anstrengend zu sein droht, später lassen sich möglicherweise die Früchte dieser Mühe ernten.

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Und, schlägt Intimität nun Leidenschaft? Meist schon, aber nicht unbedingt. Im Allgemeinen sinken Liebe und Leidenschaft tatsächlich mit der Zeit, aber das ist kein unaufhaltsamer Teufelskreis. Auch nach vielen Beziehungsjahren kann durchaus ein neuer Schwung Leidenschaft anklopfen. Zum Beispiel bei neuen und aufregenden gemeinsamen Erlebnissen (das wirkt besonders bei Frauen Wunder). Wenn es sich also „aus-leidenschaftlicht“, dann hilft es Mut und Tatendrang auszupacken und das Leben (zumindest in Teilen) umzukrempeln.

Die Emotions-Monotonie lässt sich auch durch kleinere alltägliche Intimitätsanstiege verhindern. Wenn sich das Intimitätsgefühl schon nicht bei einem selbst erhöhen lässt, dann reicht es sogar dieses beim Partner zu erhöhen. Langanhaltend glücklich ist eine Beziehung eher dann, wenn beide vergleichbar verliebt / leidenschaftlich / engagiert sind auch wenn das bedeutet, dass beide „weniger geben“. Und mittelschwere Rückschläge und ähnliche Beziehungsherausforderungen sind auch eher von der sportlichen Seite zu sehen, denn mit dem Training kommt der Erfolg.