Labor meets Leben
Immer noch die Alte?

26 Aug

Foto von Stephen Poff

Ich bleibe ich, auch wenn ich mich verändere! Wie Heirat, Scheidung und andere bedeutende Lebensereignisse uns zu der Person machen die wir sind.

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Die Blog-Geburt damals im Zug: Der freundliche junge Mann sucht ein Gespräch. Man landet auch beim Beruflichen. – Promovieren also. Interessant. Zu welchem Thema? – Und, verändert sich unsere Persönlichkeit? – In einem Satz werden die forschungs-schwangeren letzten Monate euphorisch zusammengefasst: Oh ja, die Menschen verändern sich, aber nur ein bisschen, denn alles in allem bleibt man schon ungefähr so wie man ist. – Aha. Und was untersuchst Du dann?

Promotionen lassen sich eben doch nicht so einfach in einem Satz zusammenfassen. Den Forschenden treibt eben das Detail. Um trotzdem das Große und Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren, wird heute mal das eigene aktuelle Forschungsprodukt vorgestellt, das in dieser Woche veröffentlicht wurde. Die Frage ist: Inwiefern bleiben wir eigentlich wer wir sind und warum verändern wir uns?

Zuerst einmal: Unsere Persönlichkeit ist eine relativ verlässliche Angelegenheit. Gehören wir zu der schüchternen Sorte, dann wird das mit 60 vermutlich noch so ähnlich sein wie schon mit 20 Jahren. Auch wird eine überaus gewissenhafte Person nicht von heute auf morgen zum Schludrian. Trotzdem hat das Leben ein bisschen Abwechslung parat und deshalb kommt es natürlich auch zu einigen Veränderungen in der Persönlichkeit.

Foto von Kira Okamoto

Zum Beispiel werden die meisten Menschen in ihrem Leben immer verträglicher. Die erst noch jungen Rebellen werden im hohen Alter dann eben doch meist umgänglicher. Dafür büßen sie an Offenheit ein – Phantasie, frische Ideen und ein Faible für Kunst und Kultur sind dementsprechend eher von jüngeren Menschen zu erwarten. Der oben schon thematisierte allgemeine Schludrian wird mit dem Alter pflichtbewusster und diese Veränderung, hauptsächlich zwischen dem 20. und 40. Geburtstag, ist für psychologische Verhältnisse auch vergleichsweise umfangreich.

Nun ist die Persönlichkeit ja eigentlich das Herzstück einer jeden Person, denn was bliebe uns noch Relevantes ohne unsere Persönlichkeit? Veränderungen in der Persönlichkeit sind dementsprechend auch eine große Sache (man frage sich hier „Bin ich dann überhaupt noch ich?“) und kommen nicht von ungefähr. Vielmehr formt uns das Leben, also große Veränderungen und wichtige Erlebnisse.

Foto von Tim Forbes

Heiratet eine Person, dann ändert das zum Beispiel die Erwartungen anderer Personen an die nun Verheiratete. Die meisten Menschen werden dann weniger gesellig und auch weniger offen. Zumindest die Offenheit bekommt dann wieder Antrieb, wenn die Beziehung dann doch irgendwann in die Brüche gehen sollte. Ähnlich ist es mit der Gewissenhaftigkeit: Wenn wir den ersten Job annehmen, dann steigt unsere Gewissenhaftigkeit meist stark an, was es uns erleichtert die beruflichen Anforderungen zu meistern. Mit dem Übergang in die Rente nimmt die Gewissenhaftigkeit dann aber wieder vergleichbar stark ab, eine besonders ordentliche Lebensführung ist dann eben einfach nicht mehr notwendig.

Und dank der Anmerkung eines humorvollen anonymen Reviewers gibt es nun auch den „dirty underpants effect“. Hinter dem schmutzigen Ausdruck verbirgt sich unser Ergebnis, dass Männer beim Tod ihrer Frau deutlich gewissenhafter werden, während dieser Effekt bei Frauen nicht auftritt. Das untenstehende Foto verdeutlicht diesen Effekt sehr anschaulich: Während Männern bei klassischer Rollenverteilung im hohen Alter viele Haushalts-Aufgaben erspart bleiben, ändert sich dies natürlich bei Verlust der pflichtbewussten Partnerin. Doch der Mann, laut dem guten Martenstein oft (zu Recht) als Schlamper beschimpft, wächst an seinen Aufgaben und kann auch im fortgeschrittenen Alter noch seine ordentliche Seite kennenlernen.

Foto von Francois Rodrigue

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Es gibt sie also, die Veränderungen unserer eigentlich so tief verwurzelten Persönlichkeit, denn das Leben ist abwechslungsreich genug um uns immer neue Anpassungen abzuverlangen. Weitere und detailliertere Informationen, beispielsweise auch zu dem Einfluss anderer Lebensereignisse, gibt es in unserer Studie (Specht, Egloff und Schmukle, im Druck im Journal of Personality and Social Psychology) oder auf persönliche Anfrage. Für Nicht-Wissenschaftler gibt’s weitere Informationen zum Beispiel auch in den Pressemitteilungen der Uni Münster und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.