früher | Oktober, 2014

psychologie heute-blog.
über die illusion, das gute im schlechten zu finden.

21 Okt

„von

Foto von luma photography

Positive Erlebnisse sind wünschenswert, negative Erlebnisse zu vermeiden. Sollte man meinen. Erstaunlich, dass viele dennoch an der Illusion festhalten, nur durch Schicksalsschläge könnten wir reifen. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Positive Erlebnisse sind wünschenswert, negative Erlebnisse zu vermeiden. Sollte man meinen. Erstaunlich, dass viele dennoch an der Illusion festhalten, nur durch Schicksalsschläge könnten wir reifen.

Hape Kerkeling hat ein Buch geschrieben, eines über seine Kindheit, und die war, so liest man, von einem schweren Schicksalsschlag gezeichnet. Im Kulturspiegel bespricht Arno Fank das Buch mit lobenden Worten und stellt fest: „Es ist allein dieser tragische Hintergrund, der einen Quatschmacher in einen großen Komiker verwandeln kann.“ Ein großer Komiker ist Hape Kerkeling ohne Zweifel. Aber war es dafür notwendig, als Kind hautnah den Tod der Mutter mitzuerleben? Das heißt, wäre uns seine Fähigkeit nicht vergönnt gewesen, hätte sich seine Mutter nicht das Leben genommen?

Dass schmerzliche Erfahrungen eine positive Entwicklung anstoßen, suggerierte auch Nietzsche mit seiner Aussage „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“. Und mit dieser Ansicht ist er nicht allein. Vielmehr finden sich in der Geschichte großer Dichter und Denker wiederholt Argumente für Sinn und Notwendigkeit von Niedergeschlagenheit, wie ein unterhaltsamer historischer Abriss in einem TED-Film verdeutlicht. Der Melancholie wird dabei unterstellt, essentieller Bestandteil des Lebens zu sein. Aber käme es wirklich mit Nachteilen einher, in einer Welt ohne Traurigkeit zu leben?

Auch die Psychologie fühlt sich zu der Idee hingezogen, aus etwas durchweg Negativem ließe sich etwas Positives gewinnen. Unter dem Begriff des posttraumatischen Wachstums werden Beobachtungen aus der Klinischen Psychologie subsumiert, nach denen Menschen es schaffen, mit belastenden Lebensumständen umzugehen, in dem sie diesen etwas Positives abgewinnen. Einige berichten beispielsweise, sich nun mehr an den kleinen Dingen des Alltags erfreuen zu können, dass diese Erfahrung ihre sozialen Beziehungen gestärkt habe oder sie mehr Vertrauen in ihre eigene Belastbarkeit entwickelten.

Es ist ohne Zweifel eine Glanzleistung unserer Resilienz, dass es vielen Menschen gelingt, sich von schweren Schicksalsschlägen zu erholen. Die Frage ist aber vielmehr, ob uns diese Erschütterungen stärker machen, ob sie notwendig sind, um uns aus der alltäglichen Oberflächlichkeit zu stoßen und zu besseren Menschen zu machen. Und da zeigt die Empirie sehr deutlich: Das ist nicht der Fall. Im Gegenteil, einschneidende negative Erlebnisse senken nicht nur das Wohlbefinden, im Mittel erhöhen sie auch den Neurotizismus, machen also ängstlicher und sorgenvoller.

Eine positive Entwicklung dagegen wird häufig dann angestoßen, wenn Menschen Positives erleben, auf einer Welle des Wohlbefindens schwimmen, also Ressourcen haben, um sich in eine positive Richtung zu verändern. Gerade zufriedene Menschen sind es, die anschließend emotional stabiler, verträglicher im Umgang mit anderen und gewissenhafter werden.

Wir wissen nicht, wie Hape Kerkeling wäre, hätte er nicht erlebt, was er erlebte. Auch die Psychologie, die sich aus Korrelationen und ähnlichen Maßen des Zusammenhangs füttert, erlaubt keine Aussagen über den Einzelfall. Nur eine Parallelwelt ohne dieses Unglück im Leben des jungen Hape Kerkeling könnte Aufschluss darüber geben, die keine Post-hoc-Erklärung vermag. Doch sicher ist, dass solche Schicksalsschläge ausschließlich negativ sind und keinesfalls wünschenswert oder notwendig, um einen Quatschmacher zum Komiker werden zu lassen. Eigentlich müsste es also heißen: „Es ist ein Glück, dass Hape Kerkeling trotz dieses tragischen Hintergrunds ein großer Komiker wurde.“

Zum Weiterlesen

➲ Jayawickreme, E., & Blackie, L. E. R. (2014). Post-traumatic growth as positive personality change: Evidence, controversies, and future directions. European Journal of Personality, 28, 312-331.

➲ Kandler, C., Bleidorn, W., Riemann, R., Angleitner, A., & Spinath, F. M. (2012). Life events as environmental states and genetic traits and the role of personality: A longitudinal twin study. Behavior Genetics, 42, 57-72.

➲ Specht, J., Egloff, B., & Schmukle, S. C. (2013). Examining mechanisms of personality maturation: The impact of life satisfaction on the development of the Big Five personality traits. Social Psychological and Personality Science, 4, 181-189.

Soundtrack zum Blog-Post

➲ über den Wunsch nach Traurigkeit: ‚Sad Song‘ von Au Revoir Simone

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden Dienstag schreibt darin einer von sechs Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

Die Persönlichkeit ändert sich im hohen Alter stärker als bisher angenommen

2 Okt

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Foto von Eric Montfort

Im hohen Alter ist die Persönlichkeit wieder erstaunlich veränderlich: Bis zu 25 Prozent der Menschen eines Persönlichkeitstyps ändern sich nach einem Alter von 70 Jahren noch einmal beträchtlich. Das ist eines der Ergebnisse einer Studie, an der ich zusammen mit Maike Luhmann und Christian Geiser gearbeitet habe. Dieses Ergebnis steht der weit verbreiteten Annahme entgegen, dass sich die Persönlichkeit im Laufe des Lebens immer weiter stabilisiert. Tatsächlich scheint diese Stabilisierung jedoch nur bis ins mittlere Erwachsenenalter anzuhalten und sich die Persönlichkeit anschließend noch einmal deutlich zu verändern und zwar in diverse Richtungen. In einer ähnlich veränderungsfreudigen Lebensphase, dem jungen Erwachsenenalter bis zum Alter von ungefähr 30 Jahren, lassen sich dagegen vor allem Veränderungen von dem unterkontrollierten Persönlichkeitstyp, der durch eine geringe Verträglichkeit und geringe Gewissenhaftigkeit geprägt ist, hin zu einem gesellschaftlich angepassteren, resilienten Persönlichkeitstyp beobachten.

Informationen dazu, wie wir zu diesen Ergebnissen gekommen sind, können der Pressemitteilung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung oder der Freien Universität entnommen werden.

Ein schöner Artikel von Christian Weber ist dazu am gestrigen Mittwoch in der Süddeutschen Zeitung erschienen. Und einen ebenso schönen Bericht (mit besonders amüsantem Titelbild) hat Wiebke Hollersen für Die Welt verfasst, in diesem Fall nicht nur für die gedruckte Version, sondern auch zum online Nachlesen.

Und für die Detail-Interessierten gibt es die Original-Studie hier zu lesen oder frei zugänglich hier.