perspektiven der psychologie.
gespräch mit dem wissenschaftsrat.

26 Jan

Bild von Daniel Neville

Bild von Daniel Neville

In der Psychologie rumort es: Es kündigt sich ein Psychotherapie-Direktstudium an, das die Befürchtung hochkochen lässt, dass die Grundlagenforschung zugunsten der Anwendung marginalisiert wird. Man kämpft mit der Replikationskrise, die zeigt, dass ein substantieller Anteil der wissenschaftlichen Studien unseres Faches so stark verzerrt ist, dass man ihnen nicht vertrauen kann. Und dann ist da noch der wissenschaftliche Nachwuchs, der trotz hervorragender Qualifikation vergeblich auf die unbefristete Professur wartet.

Genug Gründe also, dass sich der Wissenschaftsrat mit der Zukunft der Psychologie beschäftigt um aufzuzeigen, wie sich die Einheit des Faches erhalten lässt. In diesem Zusammenhang wurde ich kürzlich nach Bonn zum Gespräch eingeladen. Die Beteiligten und Inhalte des Gesprächs sind vertraulich, meine eigene Position dazu aber nicht.

Studium

Ursprünglich war das Bachelorstudium für eine breite Berufsvorbereitung und das Masterstudium für eine Forschungsvertiefung gedacht. In der Psychologie stößt das auf Probleme, da die angewandten Fächer (die dementsprechend besonders für das Bachelorstudium relevant sein sollten) auf den Grundlagenfächern (die besonders für das Masterstudium relevant sein sollten) aufbauen. So ist der Anteil der angewandten Fächer im Studium gestiegen, da diese sowohl im Bachelorstudium als auch – wie klassischerweise im Diplomstudiengang – im späteren Verlauf, also im Masterstudium, Eingang in den Studienplan finden. Dies ging zulasten von Grundlagen- und Methodenfächern.

Dabei ist ein breit aufgestelltes Studienangebot in der Psychologie zentral: Zukünftige Studierende wissen meist noch nicht wo sie ihren fachlichen Schwerpunkt setzen wollen und sollten sich deshalb nicht bereits vor dem Studienbeginn zu eng festlegen müssen.

Und nicht nur in der Psychologie gilt: Lehre ist insbesondere dann aktuell, wenn diese von aktiv Forschenden geleistet wird. Hochschultypen, die besonders viel Lehre vonseiten der ProfessorInnen erwarten, gehen das Risiko ein, dass zum einen zu wenig Zeit für die Forschung bleibt und zum anderen Lehre in Bereichen gemacht wird in der keine Forschungsexpertise besteht.

Forschung

Die Psychologie ist momentan damit beschäftigt die Replikationskrise zu bewältigen, wodurch zahlreiche Bewegungen angestoßen und verstärkt wurden, beispielsweise die Preregistration von Studienvorhaben und Open Science (siehe bspw. Center of Open Science und Commitment to Research Transparency). Im Zusammenhang damit steht auch die Beobachtung, dass viele Forschungsprojekte an kleinen, verzerrten Stichproben (bspw. jungen Psychologie-Studentinnen) durchgeführt werden. Kollaborationen in der Datenerhebung über psychologische Subdisziplinen hinweg würde die themenübergreifende Zusammenarbeit fördern, die Probandenakquise erleichtern und zeitliche sowie finanzielle Ressourcen sparen. Dies sollte bei der Forschungsförderung berücksichtigt werden.

Kritisch diskutiert wird darüber hinaus, dass der Anteil anwendungsnaher Forschung gegenüber der Grundlagenforschung steigt. Dies spiegelt sich beispielsweise in den Forschungsförderungen durch die EU oder das BMBF wider. Als Konsequenz der  sinkenden Absicherung durch die prekäre Grundfinanzierung an Universitäten und der starken Abhängigkeit von Drittmittelförderungen werden viele Forschungsvorhaben dazu gezwungen besonders anwendungsnah zu sein (bzw. so zu wirken).

Wissenschaftlicher Nachwuchs

Wie auch in anderen Fächern ist die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses von mangelnden beruflichen Perspektiven geprägt. Etwa 5-6 Nachwuchsgruppenleitungen, Juniorprofessuren und frisch Habilitierte stehen einer ausgeschriebenen Professur gegenüber, sodass viele hochqualifizierte NachwuchswissenschaftlerInnen, die bereits erfolgreich bewiesen haben, dass sie selbstständig forschen und lehren können, nicht langfristig in der Wissenschaft bleiben können.

Die Situation ist innerhalb der Psychologie insofern verschärft als dass es außerhalb der Hochschulen und außeruniversitären Forschungsinstitute wenig Möglichkeit zur wissenschaftlichen Arbeit gibt (bspw. in Forschungsabteilungen von Unternehmen), sodass forschungsinteressierte junge Menschen wenig Alternativen zu einer akademischen Laufbahn haben. Gleichzeitig wird die Situation innerhalb der Psychologie momentan noch dadurch abgefedert, dass die Anzahl an Hochschulen (zum Teil in privater Hand) steigt und viele hochqualifizierte junge WissenschaftlerInnen Professuren an diesen Hochschulen antreten und dem Wissenschaftsstandort Deutschland somit nicht verloren gehen.

Eine Lösung für bessere berufliche Perspektiven ist, die Anzahl der Professuren zu erhöhen. Damit würde jungen WissenschaftlerInnen eine höhere Chance auf eine Professur geboten werden, es würde sich das Betreuungsverhältnis zwischen ProfessorInnen und Studierendenschaft verbessern, Aufgaben in Lehre und akademischer Selbstverwaltung würden sich auf mehr Schultern verteilen, Geld würde statt in weitere zeitlich befristete Projekte in langfristige Forscherkarrieren investiert werden und die Hierarchie zwischen wenigen Professuren und einem großen Mittelbau würde zugunsten von unabhängig, kooperativ arbeitenden ProfessorInnen verringert (derzeit sind nur ca. 12-15% des wissenschaftlichen Personals ProfessorInnen, deutlich weniger als in anderen Ländern).

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Der Wissenschaftsrat ist ein wichtiges Beratungsgremium in der Wissenschaftspolitik. Er beschäftigt sich mit inhaltlichen und strukturellen Fragen der Wissenschaft und der Hochschulen und veröffentlicht Empfehlungen an wissenschaftspolitische Akteure. Seit dem Sommer 2016 hat eine Arbeitsgruppe mit dem Titel Perspektiven der Psychologie unter dem Vorsitz des Bildungsforschers Manfred Prenzel ihre Arbeit aufgenommen.