früher | Oktober, 2017

departments statt lehrstühle.
ein debattenbeitrag.

12 Okt

Eine Department-Struktur – als eine Alternative zur bisherigen Lehrstuhl-Struktur – hat das Potential, mehrere Schieflagen im heutigen Wissenschaftssystem zu überwinden und kann ein zentraler Schritt hin zu einem leistungsstarken und sozialverträglichen Wissenschaftssystem sein. Aber was ist konkret damit gemeint? Wie könnte diese umgesetzt werden? Und mit welchen Folgen – einige davon mehr, andere weniger wünschenswert – ginge ein solcher Strukturwandel einher?

Zusammen mit vier weiteren Mitgliedern der Jungen Akademie bin ich diesen Fragen nachgegangen. Heraus kam dabei ein Aufschlag zu einem Papier, das anschließend in interdisziplinären Gesprächsrunden innerhalb der Jungen Akademie diskutiert und darauf aufbauend überarbeitet und ergänzt wurde. Doch damit ist unser Ziel noch nicht erreicht: Wir möchten dem Thema Department-Struktur wissenschaftspolitische Aufmerksamkeit verschaffen und es öffentlich diskutieren: Welche Perspektiven gibt es auf dieses Thema? Welche Chancen, welche Befürchtungen und welche praktischen Hürden gehen mit einer Department-Struktur einher? Zu diesen Fragen haben sich Personen aus Wissenschaft und Politik in insgesamt 14 Kommentaren geäußert.

Gemeinsam ist es uns so gelungen, eine Vielfalt an Perspektiven u. a. von Personen mit praktischen Erfahrungen bei der Einführung einer Department-Struktur (in Mannheim, Bremen und Lübeck), PolitikerInnen von Bundes- und Landesebene (von CDU, SPD, Grünen und Linken), aus unterschiedlichen Statusgruppen (Mittelbau, JuniorprofessorInnen, unbefristete ProfessorInnen und Präsidien) und aus der Wissenschaftsforschung zusammenzubringen. Wir hoffen, mit dieser Initiative eine lebendige Diskussion zum Thema Department-Struktur anzustoßen bzw. fortzuführen.

Dieser Debattenbeitrag entstand innerhalb der interdisziplinären Arbeitsgruppe Wissenschaftspolitik der Jungen Akademie und kann unter folgendem Link gelesen werden:
Jule Specht, Christian Hof, Julia Tjus, Wolfram Pernice & Ulrike Endesfelder (2017). Departments statt Lehrstühle: Moderne Personalstruktur für eine zukunftsfähige Wissenschaft. Berlin: Die Junge Akademie (ISBN 978-3-00-057956-1).

Berichte über unseren Debattenbeitrag kann man hier nachlesen:

  • Artikel in der ZEIT von Anna-Lena Scholz mit dem Titel ‚Umbau der Pyramide‘ Link zum Artikel
  • Artikel von Jan-Martin Wiarda in seinem Blog mit dem Titel ‚So könnte es gehen‘ Link zum Artikel
  • Artikel von René Krempkow im SciLogs-Blog von Spektrum.de mit dem Titel ‚Das Wissenschaftssystem vom Kopf auf die Füße stellen‘ Link zum Artikel
  • Artikel im Laborjournal von Ralf Neumann mit dem Titel ‚Schluss mit Pyramide‘ Link zum Artikel
  • Artikel von Birgit Fingerle im ZBW Blog mit dem Titel ‚Department versus Lehrstuhl: Könnte Open Science profitieren?‘ Link zum Artikel

Die Junge Akademie:
Die Junge Akademie wurde im Jahr 2000 als weltweit erste Akademie für herausragende junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ins Leben gerufen. Ihre Mitglieder stammen aus allen wissenschaftlichen Disziplinen sowie aus dem künstlerischen Bereich – sie loten Potenzial und Grenzen interdisziplinärer Arbeit in immer neuen Projekten aus, wollen Wissenschaft und Gesellschaft ins Gespräch miteinander und neue Impulse in die wissenschaftspolitische Diskussion bringen. Die Junge Akademie wird gemeinsam von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina getragen. Weitere Informationen zur Jungen Akademie gibt es hier: http://www.diejungeakademie.de

persönlichkeit in der politik.
an ihren wahlaussagen sollt ihr sie erkennen!

11 Okt

Dieser Text erschien erstmals am 13. September in einer Serie zur Bundestagswahl 2017 in der populärwissenschaftlichen Zeitschrift Psychologie Heute.

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Haben Parteien eine Persönlichkeit? Tun wir mal so, als ob – und nehmen ihre Wahlprogramme als Persönlichkeitstest. Eine Partei etwa spricht ständig von „müssen“. Eine andere provoziert wütende Reaktionen, gibt sich selbst aber völlig unemotional.

In jüngster Zeit wird eine brisante Frage diskutiert: Werden wir manipuliert, indem Wahlwerbung mithilfe von Big Data gezielt an unsere Persönlichkeit angepasst wird? Im folgenden Artikel wollen wir den Spieß umdrehen: Wir schauen uns an, wie sich automatisierte Analyseverfahren nutzen lassen, um stattdessen die Persönlichkeit der Politik zu bestimmen. Schließlich steht die Bundestagswahl vor der Tür und wir damit vor der wichtigen Entscheidung, welche Partei am besten zu uns passt.

Haben Parteien eine Persönlichkeit? Bei uns Menschen beinhaltet die Persönlichkeit alle Eigenschaften im Denken, Fühlen und Verhalten, die uns voneinander unterscheiden. Gehen wir aus uns heraus, oder sind wir zurückhaltend? Machen wir uns häufig Sorgen, oder bleiben wir selbst in stressigen Situationen gelassen? Mittlerweile wissen wir, dass sich Persönlichkeitsmerkmale auch bei diversen Tierarten finden lassen, unter anderem bei Affen, Hunden, Hyänen und sogar Tintenfischen. Auch zwischen politischen Parteien finden sich systematische Unterschiede in Werten und Taten, und diese werden wir kurzerhand als „Persönlichkeit“ auffassen.

Wie aber sollen wir diese Persönlichkeit messen? Politische Parteien füllen ja gemeinhin keine Persönlichkeitsfragebögen aus.

Persönlichkeitsunterschiede spiegeln sich in der Sprache wider. Das zeigte sich beispielsweise in einer Studie des Psychologen Matthias Mehl und seiner Kollegen. Sie zeichneten mit kleinen Mikrofonen über zwei Tage hinweg alle zwölfeinhalb Minuten 30 Sekunden Ton aus dem Alltag von knapp 100 Studentinnen und Studenten auf. Dabei stellte sich unter anderem heraus, dass Extravertierte mehr und schneller sprechen, dass Verträgliche weniger fluchen und neurotizistische Personen mehr streiten.

Auch in Texten spiegelt sich die Persönlichkeit der Schreibenden, wie die Psychologen James Pennebaker und Laura King zeigten. Sie untersuchten Tagebucheinträge, Hausarbeiten und Beiträge in Fachzeitschriften und deckten systematische Unterschiede im Schreibstil der Autoren auf: Personen, die offen für neue Erfahrungen sind, schreiben zum Beispiel komplexere Texte. Introvertierte Menschen nutzen abgrenzende („aber“, „ohne“), vorsichtige („vielleicht“, „eventuell“) und verneinende Formulierungen („nicht“, „nie“).

Die Persönlichkeit der Politik sollte sich dementsprechend auch in geschriebener Sprache offenbaren. Und wo läge das näher als in den Wahlprogrammen der Parteien? Erste Hinweise dazu fand der Sprachwissenschaftler Simon Meier zusammen mit seinen Studierenden im Seminar „Sprache und Politik“ an der Technischen Universität Berlin. Sie untersuchten die Wahlprogramme zur Bundestagswahl, um herauszufinden, wie sich die Parteien in ihrer Wortwahl voneinander unterscheiden.

Es stellte sich heraus, dass die SPD – im Vergleich zu den anderen Parteien – besonders häufig die Wörter „wir“, „werden“, „unterstützen“, „verbessern“ und „modern“ nutzt. Sie unterstreicht damit ihre gemeinschaftsorientierten Werte. Gleichzeitig geht der zentrale Begriff der Wahlkampagne – „Gerechtigkeit“ – unter. Bei den Grünen finden sich – passend zu ihrem ökologischen Profil – besonders viele umweltpolitische Begriffe wie „ökologisch“, „Auto“ und „Klimakrise“. Die Linke spricht in ihrem Wahlprogramm mehr als 500-mal von „müssen“, fast so viel wie alle anderen Parteien zusammen. Ansonsten dominieren Wörter wie „sozial“, „öffentlich“ und „Beschäftigte“.

Was CDU und CSU angeht, wundert sich Meier über das „eigentümlich inhaltsleere“ Wahlprogramm. So spricht die Union besonders häufig von „Deutschland“, „unser“, „Land“, „wir“, „haben“ oder „Erfolg“, was zwar keine konkreten Inhalte, aber doch eine klare Wertehaltung vermittelt. Die FDP zeichnet sich durch eine wenig individuelle Wortwahl aus, spricht aber vergleichsweise häufig von „weltbeste“, „Leistung“ sowie von „Wettbewerb“ und „Möglichkeit“. Bei der AfD dominieren Begriffe mit Bezügen zur Herkunft von Menschen, wie „Volk“, „deutsch“, „türkisch“, „Islam“ und „Zuwanderung“.

Zeig mir deine Themen

Die politischen Parteien unterscheiden sich nicht nur in den Begriffen, mit denen sie ihre Individualität (mehr oder weniger) unterstreichen, sondern auch in den gesellschaftlichen Themen, denen sie sich vorrangig widmen. Union und Linke leiten ihr Wahlprogramm mit Positionen zur Wirtschaftspolitik ein, die FDP beginnt mit der Bildungspolitik, ebenso wie die SPD, die diese mit familienpolitischen Fragen koppelt. Bei den Grünen steht die Umweltpolitik an erster Stelle, während die AfD die Souveränität von Nationalstaaten betont.

Trotz dieser Unterschiede widmen sich die Parteien weitgehend übereinstimmend ähnlichen gesellschaftlichen Themen wie Wirtschaft, Bildung, Familie und Soziales, Außenpolitik und Europa, Klima sowie Sicherheit. Studien zeigen, dass sich die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger über die Jahre verändern und unterschiedlich stark von den Parteien aufgegriffen werden. Der Meinungsforscher Nico Siegel stellte mit Kollegen in einem Gastbeitrag für Zeit Online dar, dass früher Themen wie Demokratie, Frieden, soziale Gerechtigkeit und Arbeitsplatzsicherheit zentral waren, während momentan die Themen Zuwanderung und innere Sicherheit die größte Rolle spielen.

Ein Blick in die Wahlprogramme zeigt: Parteien links der Mitte legen einen starken Schwerpunkt auf das Thema Geflüchtete. Im Programm der Grünen finden sich in dieser Kategorie die meisten Nennungen (etwa „Geflüchtete“, „Asyl“, „Einwanderung“). Dahinter folgen Linke und SPD. Mit konträren Forderungen bei diesem Thema folgt dann die AfD. Berücksichtigt man allerdings das vergleichsweise kurze Wahlprogramm der AfD, dann räumt sie dem Thema Migration im Vergleich zu den anderen Parteien anteilig am meisten Platz ein. Bei der CDU/CSU und der FDP spielen Geflüchtete, obwohl von ihren Politikern angesprochen, eine untergeordnete Rolle im Wahlprogramm.

Das Thema Sicherheit wird vor allem von der CDU/CSU für sich beansprucht, die sich im Wahlprogramm als „Partei der inneren Sicherheit“ betitelt. Auch was die Anteile im Programm angeht, wird das Thema von ihr tatsächlich am stärksten behandelt, gefolgt von FDP und SPD. Obwohl sich die Grünen dem Thema Sicherheit am ausführlichsten widmen, spielt es in ihrem sehr umfangreichen Wahlprogramm im Vergleich zu den anderen behandelten Themen eine relativ geringe Rolle. Für die Parteien ganz rechts und ganz links, AfD und Linke, wird die Sicherheit im Wahlprogramm wenig ausführlich behandelt.

Und nun noch mal mit Gefühl

Was besagt das alles im Hinblick auf die Persönlichkeit und insbesondere den individuellen „Gefühlshaushalt“ der Parteien? Für diese Fragestellung eignet sich ein psychologisches Textanalyseprogramm von James Pennebaker, das Linguistic Inquiry and Word Count, das von Markus Wolf und Kollegen für die deutsche Sprache angepasst wurde. Es enthält über 2000 Wörter und Wortstämme, die psychologischen Konstrukten zugeordnet sind, und gibt für jeden Text an, wie hoch der Anteil der Wörter je linguistische Kategorie ist.

Angewendet auf die Wahlprogramme, zeigt sich: Besonders viel Emotionalität findet sich bei Union und SPD, besonders wenig bei der AfD. Das betrifft sowohl positive Emotionen (etwa: „glücklich“, „gut“) als auch Optimismus („begeistert“, „erfolgreich“). Negative Emotionen („traurig“, „Hass“) sind dagegen bei den kleineren Parteien – AfD, Linke und FDP – weiter verbreitet. Allerdings ergibt sich hier ein unterschiedliches Bild, je nachdem welche negativen Emotionen konkret benannt werden. Im SPD-Programm finden sich beispielsweise viele Wörter aus der Kategorie Ängstlichkeit und Ärger, allerdings wenige aus der Kategorie Traurigkeit. Genau andersherum ist es bei der AfD.

Dieses Ergebnis steht im Kontrast zu den Emotionen, die die Parteien in den sozialen Medien provozieren. Josef Holnburger, der in Hamburg Politikwissenschaft studiert, hat analysiert, welche Reaktionen die Beiträge unterschiedlicher Parteien bei Facebook auslösen (neben dem altbekannten Like stehen dort Liebe, Lachen, Überraschung, Traurigkeit und Wut zur Auswahl). Dafür wertete er insgesamt über 4000 Beiträge aus, die über ein Jahr verteilt veröffentlicht wurden. Die meisten davon stammten von der FDP, die wenigsten von den Grünen. Die AfD hatte nicht nur die meisten Facebook-Fans (über 300 000), sondern erhielt auch die meisten Likes (rund 2,5 Millionen).

Beiträge der SPD werden nach Aussage von Holnburger im Vergleich zu den anderen Parteien besonders häufig mit einem Herz belohnt (ein Drittel der Reaktionen). CDU und CSU erhalten vor allem lachende Resonanz (etwa 40 Prozent der Reaktionen), wobei nach Holnburger unklar bleibt, ob das Zeichen gemeinsamer Freude oder Auslacher sind. Bei der AfD dominiert die Emotion Wut (etwa 60 Prozent der Reaktionen). Erstaunlich: Etwa jede fünfte Reaktion auf Beiträge von FDP, Grünen, SPD und Linken ist ein weinendes Gesicht, das Zeichen für Traurigkeit. Die Persönlichkeit einer Partei spiegelt, das wird hier deutlich, also nicht unbedingt die Persönlichkeit der Interaktionspartner wider.

Diesen Kontrast verdeutlichen auch Analysen von Instinctif, einer Kommunikationsberatung. Sie wertete aus, wie häufig die Parteien selbst auf Twitter aktiv sind und wie häufig über sie gesprochen wird. Obwohl die AfD selbst bei Twitter selten das Wort ergreift, wird über sie am meisten gesprochen. Einen geringeren, aber ebenfalls großen Unterschied gibt es bei SPD, Grünen und FDP, die bei Twitter vergleichsweise wenig selbst posten, aber überproportional häufig erwähnt werden.

Für das Ausmaß medialer Präsenz sind Emotionen entscheidend, zu diesem Schluss kommen William Brady und Kollegen. Sie untersuchten, welche politischen Tweets sich besonders stark verbreiten. In ihrer Studie analysierten sie mehr als eine halbe Million Tweets zu den Themen Waffenbesitz, gleichgeschlechtliche Ehe und Klimawandel. Wie sich zeigte, tragen vor allem solche Wörter, die emotional und moralisch stark aufgeladen sind, zur Verbreitung der Botschaften bei: Jedes solche Wort erhöht die Wahrscheinlichkeit eines Retweets, einer Weitergabe der Mitteilung, um 20 Prozent. Diese Tweets verbreiteten sich allerdings vornehmlich unter politisch Gleichgesinnten, sodass moralisch-emotional aufgeladene Tweets eher zur Wählermobilisierung denn zur Wählerüberzeugung taugen.

Um die Wähler zu überzeugen, empfiehlt es sich, auf den häufig kritisierten Politikersprech zu verzichten, also Inhalte statt Floskeln zu bieten. Das „BlaBla-Meter“ ist ein Onlinetool, das sich zum Ziel gesetzt hat, heiße Luft in Texten zu entlarven und mit einem „Bullshit-Index“ zu quantifizieren. Als hochwertige Texte gelten danach nur die Wahlprogramme von Grünen, Linken und SPD. Es folgt dicht dahinter die CDU. Etwas abgeschlagen sind FDP und schließlich AfD. Den beiden Letztgenannten bescheinigt das „BlaBlaMeter“ in seiner automatisierten Auswertung: „Ihr Text riecht schon deutlich nach heißer Luft – Sie wollen hier wohl offensichtlich etwas verkaufen oder jemanden tief beeindrucken.“

Mit Pennebakers Textanalyseprogramm lassen sich weitere individuelle Unterschiede zwischen den Parteien aufdecken: Die beiden derzeitigen Regierungsparteien zeichnen sich durch wenig Zögerlichkeit und viel Gewissheit aus. Besonders sozial zeigt sich die SPD, dicht gefolgt von der CDU/CSU. Weit abgeschlagen ist in dieser Kategorie die AfD. Rückwärtsgewandt, was die sprachlichen Zeitformen angeht, ist vor allem die Union, während die SPD vor allem über die Zukunft schreibt. Berufliche Aspekte prägen die FDP, die Grünen dagegen kaum. Geld wird bei der Linken besonders häufig thematisiert, bei Grünen und CDU/CSU deutlich weniger. Und Religiosität ist ein Thema, das hauptsächlich AfD und CDU/CSU beschäftigt.

Partei und Person: Passen wir zusammen?

Nicht nur Parteien unterscheiden sich freilich, sondern auch die (potenziellen) Wählerinnen und Wähler. Eine grundlegende Ursache für Unterschiede in parteipolitischen Präferenzen sind Unterschiede in moralischen Überzeugungen. Wie der Moralpsychologe Jonathan Haidt zusammen mit Kollegen feststellte, zeichnen sich Personen mit eher linken politischen Überzeugungen (die vornehmlich SPD, Grüne oder Linke wählen) durch einen positiven, optimistischen Blick auf Menschen aus. Sie präferieren im Allgemeinen Veränderungen, sowohl in ihrem eigenen Leben als auch auf gesellschaftlicher Ebene.

Personen mit eher konservativen oder rechten politischen Überzeugungen zeichnen sich dagegen durch einen negativeren Blick auf die Menschen aus. Sie gehen davon aus, dass Menschen meist egoistisch handeln und Autoritäten und Traditionen benötigen, um sich in einer Gesellschaft angemessen zu verhalten. Sie bevorzugen im Allgemeinen Stabilität statt Veränderungen. In den aktuellen Wahlprogrammen werden Veränderungen besonders von der FDP, gefolgt von Grünen und Linken thematisiert (vermutlich aus ihrer Rolle als Opposition heraus). Hingegen sind Veränderungen im Wahlprogramm der Union selten, was sicherlich zum einen auf ihre konservativen Werte zurückgeht, zum anderen darauf, dass sie derzeit Regierungsverantwortung trägt.

Ob wir auf Basis der „Persönlichkeit“ unterschiedlicher Parteien beziehungsweise ihrer Passung zu unserer eigenen Persönlichkeit Wahlentscheidungen treffen sollten, bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Ich persönlich habe nun bei der Vorbereitung dieses Textes alle Wahlprogramme gelesen und werde noch den Wahl-O-Mat um Rat fragen, um dann spätestens bis zur Bundestagswahl die Partei zu finden, die am besten zu mir passt.

Zum Weiterlesen

William J. Brady, Julian A. Wills, John T. Jost, Joshua A. Tucker & Jay J. Van Bavel (2017). Emotion shapes the diffusion of moralized content in social networks. Proceedings of the National Academy of Sciences: Psychological and Cognitive Sciences, 114, S. 7313-7318.

Jesse Graham, Jonathan Haidt & Brian A. Nosek (2009). Liberals and conservatives rely on different sets of moral foundations. Journal of Personality and Social Psychology, 96, S. 1029-1046.

Josef Holnburger (2017). AfD-Anhänger sind besonders wütend, die SPD hat viel Herz und die FDP ist sehr traurig – zumindest auf Facebook.

Matthias R. Mehl, Samuel D. Gosling & James W. Pennebaker (2006). Personality in its natural habitat: Manifestations and implicit folk theories of personality in daily life. Journal of Personality and Social Psychology, 90, S. 862-877.

James W. Pennebaker & Laura A. King (1999). Linguistic styles: Language use as an individual difference. Journal of Personality and Social Psychology, 77, S. 1296-1312.

Nico Siegel, Marco Giesselmann & Gert G. Wagner (2017). Die Macht des Konkreten. Zeit Online.

Lars Wienand (2017). Linguist vergleicht Wahlprogramme: Bei Union fehlt der Inhalt. Berliner Morgenpost.

Markus Wolf, Andrea B. Horn, Matthias R. Mehl, Severin Haug, James W. Pennebaker & Hans Kordy (2008). Computergestützte quantitative Textanalyse: Äquivalenz und Robustheit der deutschen Version des Linguistic Inquiry and Word Count. Diagnostica, 54, S. 85-98.

psychologie heute-blog.
über plötzliche veränderungen.

10 Okt

Bild von Thomas Hawk

Vor zwei Monaten stand ich vor einer großen Entscheidung, aber mit meinem Gefühl stimmte etwas nicht: Ich war unsicher, meine Intuition versagte. Im Urlaub, mit etwas Abstand und viel Zeit, war es dann ganz einfach. Erstaunlich, dass man sich erst noch in einem grundlegenden Selbstfindungsprozess verwickelt meint und sich dann – von einem Moment zum nächsten – alles wie von Zauberhand sortiert. Dass manchmal plötzlich alles anders ist mit unserem Identitätsgefühl, fand sich auch in einer Studie von Brent Roberts und Kollegen, die überraschenderweise zeigte, dass sich die Persönlichkeit sprunghaft entwickeln kann. → Weiterlesen im Psychologie Heute-Blog

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin eine von derzeit vier KolumnistInnen – und ich bin eine davon – über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.