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26x psychologie heute.

19 Dez

Schicksalsschläge und Kleinigkeiten des Alltags, die Wichtigkeit von Emotionen und Zufällen beim Treffen guter Entscheidungen und die Flüchtigkeit des Glücks, das Suchen und Finden der Liebe, nützliche Angst, Nostalgie und Zukunftssorgen. All das war Teil der Alltagsfragen, auf die ich in den letzten Jahren im Blog der populärwissenschaftlichen Zeitschrift Psychologie Heute mit Hilfe wissenschaftlicher Studien Antworten gesucht habe.

Im neuen Jahr wird es zwar den Psychologie Heute-Blog nicht mehr geben, aber meine Texte können weiterhin hier gelesen werden. Und weil die Themen alle sehr persönlich sind, fühlt es sich nun in dieser Zusammenstellung ein bisschen wie ein Tagebuch an oder zumindest wie eine mentale Reise in die Vergangenheit. Für alle, die Lust auf psychologische Antworten auf meist immer noch aktuelle Fragen des Alltags haben: Viel Spaß beim Lesen!

Text 1: Think negative! (29. Juli 2014)

Text 2: Ein Plädoyer für schnelles Schlafen (09. September 2014)

Text 3: Über die Illusion, das Gute im Schlechten zu finden (21. Oktober 2014)

Text 4: Über die Notwendigkeit von emotionalem Protest (02. Dezember 2014)

Text 5: Über die Flüchtigkeit des Glücks (13. Januar 2015)

Text 6: Über das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren (24. Februar 2015)

Text 7: Über die Wucht der kleinen Dingen (07. April 2015)

Text 8: Über die große, wahre Liebe (12. Mai 2015)

Text 9: Über das Überschätzen psychologischer Ratschläge (16. Juni 2015)

Text 10: Über den Mangel an (echten) Prioritäten (21. Juli 2015)

Text 11: Über die Vorzüge des Offline-Datings (25. August 2015)

Text 12: Über Nostalgie und Vorfreude (13. Oktober 2015)

Text 13: Über funktionale Angst (08. Dezember 2015)

Text 14: Über Bedingungslosigkeit (02. Februar 2016)

Text 15: Über Alterspanik (29. März 2016)

Text 16: Über fragmentierte Liebesleben (24. Mai 2016)

Text 17: Über große und größere Sorgen (19. Juli 2016)

Text 18: Über die Persönlichkeit der Politik (13. September 2016)

Text 19: Über schwere Entscheidungen und glückliche Zufälle (08. November 2016)

Text 20: Über einen Verschwundenen (03. Januar 2017)

Text 21: Über einen neuen Namen (28. Februar 2017)

Text 22: Über den Wunsch nach Irritation (25. April 2017)

Text 23: Über gewonnene Zeit (19. Juni 2017)

Text 24: Über die Suche nach einem neuen Zuhause (15. August 2017)

Text 25: Über plötzliche Veränderungen (10. Oktober 2017)

Text 26: Über Gerichtsverfahren als belastende Lebensereignisse (05. Dezember 2017)

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über gerichtsverfahren als belastende lebensereignisse.

5 Dez

Bild von Marco Abis

Dreieinhalb Jahre ist es her, dass die Psychologie Heute ihren Blog ins Leben rief und ich seitdem alle vier bis acht Wochen einen Text beitrug. Der heutige ist der 26. Text und wird wohl der letzte sein, denn der Psychologie Heute-Blog wird zum neuen Jahr eingestellt. Wirklich schade, war es doch immer wieder eine schöne Gelegenheit, sich regelmäßig dem populärwissenschaftlichen Schreiben zu widmen und das auch noch für eine so herzliche Redaktion. Ich hoffe, das neue Jahr bringt weitere schöne Gelegenheiten!

Der letzte Text handelt von einem einschneidenden Lebensereignis, das eine gute Freundin kürzlich erlebte und mir sehr nah ging. Und somit endet meine, doch meistens eher beschwingte Schreiberei mit einem besonders deprimierenden Text über Gerichtsverfahren als belastende Lebensereignisse. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann nun auch hier gelesen werden.]

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Über sexuelle und gewalttätige Übergriffe und dafür mitverantwortliche gesellschaftliche Strukturen wird in den letzten Monaten viel gesprochen. Immer mehr Menschen erheben ihre Stimme um solche Übergriffe anzuprangern. Zum Teil liegen diese lange Zeit zurück, oftmals viele Jahre. Deshalb wird die Frage laut, warum die Taten erst jetzt ans Licht kommen. Eine Antwort darauf sind die psychischen Folgen für die Opfer.

Dass die öffentliche Debatte für das Opfer einer Straftat ein weiteres überaus belastendes, wenn nicht gar traumatisches Ereignis, darstellt, erlebe ich gerade hautnah an einer guten Freundin. Nennen wir sie Anna. Es ist bereits Monate her, da erlebte sie häusliche Gewalt. Wiederholt. Mit erheblichen körperlichen Verletzungen. Diese wurden ärztlich versorgt und dokumentiert, auch die Polizei dazu gerufen und es gibt dritte Zeugen, mit denen ihr Ex-Partner über die Vorfälle sprach.

Der Angeklagte wird zunächst verurteilt, geht dann in Berufung. Das anschließende Gerichtsverfahren wird trotz der erdrückenden Beweise eine Belastungsprobe für Anna, die sich immer wieder rechtfertigen muss und deren persönlichste Lebensumstände vor Gericht und vor anwesenden Familienangehörigen, Freunden, Bekannten, Kollegen und Fremden veröffentlicht werden. Sie muss sich gegen einen aggressiv auftretenden Anwalt des Angeklagten behaupten und das Zeigen von Fotos mit den Verletzungen ertragen, auf denen sie unbekleidet abgebildet ist und die belächelt werden. Kein Wunder, dass nach jedem Gerichtstermin die Nerven blank liegen.

Mit einem befreundeten Richter sitze ich in einer Bar in Kreuzberg und frage ihn, ob er häufig emotionale Belastungen bei Gerichtsverfahren beobachtet. Eine geringe Kontrollierbarkeit und hohe Bedeutung der Gerichtssituation prädestiniert nämlich für Gefühle von Hilflosigkeit, einen Risikofaktor für ernste psychische Belastungen. Tatsächlich bestätigt er, dass die Menschen vor Gericht oftmals emotional hoch angespannt sind. Das Gericht sei aber auch nicht der richtige Ort, um traumatische Erlebnisse zu verarbeiten, sondern um Fehlverhalten zu bestrafen. Und obwohl ich ihm zustimme, dürfen Opfer und Zeugen natürlich nie lediglich Objekte zur Tatsachenfeststellung sein.

Dies hätte auch gesellschaftlich weitreichende Konsequenzen, denn häusliche Gewalt ist nicht selten: Laut Tagesspiegel meldeten im letzten Jahr über 130.000 Menschen Gewalttaten in der Partnerschaft bei der Polizei. Auch die ZEIT berichtet von erschreckenden Zahlen, darunter 80.000 Körperverletzungen und 7.600 Stalkingfälle, was ein erneuter Anstieg häuslicher Gewalt bedeutet. Das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz führt auf, dass jede vierte Frau Gewalt in der Partnerschaft erlebt, davon zwei Drittel schwere körperliche oder sexuelle Gewalt. Und: Bei einem Großteil der Fälle wendet sich das Opfer aus Scham, Angst und mangelndem Vertrauen in staatliche Institutionen weder an die Polizei noch an andere Einrichtungen.

Dabei gibt es hilfreiche Unterstützung. Ein gutes Beispiel: Das Hilfetelefon für Frauen gegen Gewalt vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben. Es bietet kostenfreie, persönliche Beratung an, stellt vielfältige Informationen bereit und gibt Rat: Man solle betroffenen Frauen Glauben schenken, da diese häufig viel Misstrauen entgegengebracht bekämen, auch weil sie oftmals nicht dem Stereotyp eines unterlegenen Opfers entsprächen. Seit diesem Jahr gibt es außerdem einen Anspruch auf psychosoziale Prozessbegleitung, die dabei unterstützen soll, die emotionale Belastung während des Verfahrens zu reduzieren.

Im Fall meiner Freundin Anna gab es keine ausreichende psychosoziale Prozessbegleitung. Und obwohl der Richter erhebliche Inkonsistenzen in den Ausführungen des Angeklagten erkannte und ihr glaubte, wurde der Angeklagte letztendlich aus Mangel an Beweisen freigesprochen. So oder ähnlich läuft es in drei Viertel solcher Gerichtsverfahren. Und auch wenn das nachvollziehbar sein mag, ist Anna fassungslos und am Ende ihrer Kräfte. Nie wieder würde sie eine solche Tat vor Gericht bringen, sagt sie. Das ist verständlich, aber fatal: Psychische Belastungen müssen vor Gericht noch weitreichender berücksichtigt werden und es muss mehr psychosoziale Unterstützung bei den emotional belasteten Prozessbeteiligten ankommen.

Zum Weiterlesen

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2013). Mehr Mut zum Reden: Von misshandelten Frauen und ihren Kindern.

Jacquelyn C. Campbell (2002). Health consequences of intimate partner violence. Lancet, Vol. 359, S. 1331-1336.

Sandra M. Stith, Douglas B. Smith, Carrie E. Penn, David B. Ward & Dari Tritt (2004). Intimate partner physical abuse perpetration and victimization risk factors: A meta-analytic review. Aggression and Violent Behavior, Vol. 10, S. 65–98.

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Zwischen Juli 2014 und Dezember 2017 veröffentlichte die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schrieb darin eine von vier bis sechs KolumnistInnen – und ich war eine davon – über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

persönlichkeit in der politik.
an ihren wahlaussagen sollt ihr sie erkennen!

11 Okt

Dieser Text erschien erstmals am 13. September in einer Serie zur Bundestagswahl 2017 in der populärwissenschaftlichen Zeitschrift Psychologie Heute.

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Haben Parteien eine Persönlichkeit? Tun wir mal so, als ob – und nehmen ihre Wahlprogramme als Persönlichkeitstest. Eine Partei etwa spricht ständig von „müssen“. Eine andere provoziert wütende Reaktionen, gibt sich selbst aber völlig unemotional.

In jüngster Zeit wird eine brisante Frage diskutiert: Werden wir manipuliert, indem Wahlwerbung mithilfe von Big Data gezielt an unsere Persönlichkeit angepasst wird? Im folgenden Artikel wollen wir den Spieß umdrehen: Wir schauen uns an, wie sich automatisierte Analyseverfahren nutzen lassen, um stattdessen die Persönlichkeit der Politik zu bestimmen. Schließlich steht die Bundestagswahl vor der Tür und wir damit vor der wichtigen Entscheidung, welche Partei am besten zu uns passt.

Haben Parteien eine Persönlichkeit? Bei uns Menschen beinhaltet die Persönlichkeit alle Eigenschaften im Denken, Fühlen und Verhalten, die uns voneinander unterscheiden. Gehen wir aus uns heraus, oder sind wir zurückhaltend? Machen wir uns häufig Sorgen, oder bleiben wir selbst in stressigen Situationen gelassen? Mittlerweile wissen wir, dass sich Persönlichkeitsmerkmale auch bei diversen Tierarten finden lassen, unter anderem bei Affen, Hunden, Hyänen und sogar Tintenfischen. Auch zwischen politischen Parteien finden sich systematische Unterschiede in Werten und Taten, und diese werden wir kurzerhand als „Persönlichkeit“ auffassen.

Wie aber sollen wir diese Persönlichkeit messen? Politische Parteien füllen ja gemeinhin keine Persönlichkeitsfragebögen aus.

Persönlichkeitsunterschiede spiegeln sich in der Sprache wider. Das zeigte sich beispielsweise in einer Studie des Psychologen Matthias Mehl und seiner Kollegen. Sie zeichneten mit kleinen Mikrofonen über zwei Tage hinweg alle zwölfeinhalb Minuten 30 Sekunden Ton aus dem Alltag von knapp 100 Studentinnen und Studenten auf. Dabei stellte sich unter anderem heraus, dass Extravertierte mehr und schneller sprechen, dass Verträgliche weniger fluchen und neurotizistische Personen mehr streiten.

Auch in Texten spiegelt sich die Persönlichkeit der Schreibenden, wie die Psychologen James Pennebaker und Laura King zeigten. Sie untersuchten Tagebucheinträge, Hausarbeiten und Beiträge in Fachzeitschriften und deckten systematische Unterschiede im Schreibstil der Autoren auf: Personen, die offen für neue Erfahrungen sind, schreiben zum Beispiel komplexere Texte. Introvertierte Menschen nutzen abgrenzende („aber“, „ohne“), vorsichtige („vielleicht“, „eventuell“) und verneinende Formulierungen („nicht“, „nie“).

Die Persönlichkeit der Politik sollte sich dementsprechend auch in geschriebener Sprache offenbaren. Und wo läge das näher als in den Wahlprogrammen der Parteien? Erste Hinweise dazu fand der Sprachwissenschaftler Simon Meier zusammen mit seinen Studierenden im Seminar „Sprache und Politik“ an der Technischen Universität Berlin. Sie untersuchten die Wahlprogramme zur Bundestagswahl, um herauszufinden, wie sich die Parteien in ihrer Wortwahl voneinander unterscheiden.

Es stellte sich heraus, dass die SPD – im Vergleich zu den anderen Parteien – besonders häufig die Wörter „wir“, „werden“, „unterstützen“, „verbessern“ und „modern“ nutzt. Sie unterstreicht damit ihre gemeinschaftsorientierten Werte. Gleichzeitig geht der zentrale Begriff der Wahlkampagne – „Gerechtigkeit“ – unter. Bei den Grünen finden sich – passend zu ihrem ökologischen Profil – besonders viele umweltpolitische Begriffe wie „ökologisch“, „Auto“ und „Klimakrise“. Die Linke spricht in ihrem Wahlprogramm mehr als 500-mal von „müssen“, fast so viel wie alle anderen Parteien zusammen. Ansonsten dominieren Wörter wie „sozial“, „öffentlich“ und „Beschäftigte“.

Was CDU und CSU angeht, wundert sich Meier über das „eigentümlich inhaltsleere“ Wahlprogramm. So spricht die Union besonders häufig von „Deutschland“, „unser“, „Land“, „wir“, „haben“ oder „Erfolg“, was zwar keine konkreten Inhalte, aber doch eine klare Wertehaltung vermittelt. Die FDP zeichnet sich durch eine wenig individuelle Wortwahl aus, spricht aber vergleichsweise häufig von „weltbeste“, „Leistung“ sowie von „Wettbewerb“ und „Möglichkeit“. Bei der AfD dominieren Begriffe mit Bezügen zur Herkunft von Menschen, wie „Volk“, „deutsch“, „türkisch“, „Islam“ und „Zuwanderung“.

Zeig mir deine Themen

Die politischen Parteien unterscheiden sich nicht nur in den Begriffen, mit denen sie ihre Individualität (mehr oder weniger) unterstreichen, sondern auch in den gesellschaftlichen Themen, denen sie sich vorrangig widmen. Union und Linke leiten ihr Wahlprogramm mit Positionen zur Wirtschaftspolitik ein, die FDP beginnt mit der Bildungspolitik, ebenso wie die SPD, die diese mit familienpolitischen Fragen koppelt. Bei den Grünen steht die Umweltpolitik an erster Stelle, während die AfD die Souveränität von Nationalstaaten betont.

Trotz dieser Unterschiede widmen sich die Parteien weitgehend übereinstimmend ähnlichen gesellschaftlichen Themen wie Wirtschaft, Bildung, Familie und Soziales, Außenpolitik und Europa, Klima sowie Sicherheit. Studien zeigen, dass sich die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger über die Jahre verändern und unterschiedlich stark von den Parteien aufgegriffen werden. Der Meinungsforscher Nico Siegel stellte mit Kollegen in einem Gastbeitrag für Zeit Online dar, dass früher Themen wie Demokratie, Frieden, soziale Gerechtigkeit und Arbeitsplatzsicherheit zentral waren, während momentan die Themen Zuwanderung und innere Sicherheit die größte Rolle spielen.

Ein Blick in die Wahlprogramme zeigt: Parteien links der Mitte legen einen starken Schwerpunkt auf das Thema Geflüchtete. Im Programm der Grünen finden sich in dieser Kategorie die meisten Nennungen (etwa „Geflüchtete“, „Asyl“, „Einwanderung“). Dahinter folgen Linke und SPD. Mit konträren Forderungen bei diesem Thema folgt dann die AfD. Berücksichtigt man allerdings das vergleichsweise kurze Wahlprogramm der AfD, dann räumt sie dem Thema Migration im Vergleich zu den anderen Parteien anteilig am meisten Platz ein. Bei der CDU/CSU und der FDP spielen Geflüchtete, obwohl von ihren Politikern angesprochen, eine untergeordnete Rolle im Wahlprogramm.

Das Thema Sicherheit wird vor allem von der CDU/CSU für sich beansprucht, die sich im Wahlprogramm als „Partei der inneren Sicherheit“ betitelt. Auch was die Anteile im Programm angeht, wird das Thema von ihr tatsächlich am stärksten behandelt, gefolgt von FDP und SPD. Obwohl sich die Grünen dem Thema Sicherheit am ausführlichsten widmen, spielt es in ihrem sehr umfangreichen Wahlprogramm im Vergleich zu den anderen behandelten Themen eine relativ geringe Rolle. Für die Parteien ganz rechts und ganz links, AfD und Linke, wird die Sicherheit im Wahlprogramm wenig ausführlich behandelt.

Und nun noch mal mit Gefühl

Was besagt das alles im Hinblick auf die Persönlichkeit und insbesondere den individuellen „Gefühlshaushalt“ der Parteien? Für diese Fragestellung eignet sich ein psychologisches Textanalyseprogramm von James Pennebaker, das Linguistic Inquiry and Word Count, das von Markus Wolf und Kollegen für die deutsche Sprache angepasst wurde. Es enthält über 2000 Wörter und Wortstämme, die psychologischen Konstrukten zugeordnet sind, und gibt für jeden Text an, wie hoch der Anteil der Wörter je linguistische Kategorie ist.

Angewendet auf die Wahlprogramme, zeigt sich: Besonders viel Emotionalität findet sich bei Union und SPD, besonders wenig bei der AfD. Das betrifft sowohl positive Emotionen (etwa: „glücklich“, „gut“) als auch Optimismus („begeistert“, „erfolgreich“). Negative Emotionen („traurig“, „Hass“) sind dagegen bei den kleineren Parteien – AfD, Linke und FDP – weiter verbreitet. Allerdings ergibt sich hier ein unterschiedliches Bild, je nachdem welche negativen Emotionen konkret benannt werden. Im SPD-Programm finden sich beispielsweise viele Wörter aus der Kategorie Ängstlichkeit und Ärger, allerdings wenige aus der Kategorie Traurigkeit. Genau andersherum ist es bei der AfD.

Dieses Ergebnis steht im Kontrast zu den Emotionen, die die Parteien in den sozialen Medien provozieren. Josef Holnburger, der in Hamburg Politikwissenschaft studiert, hat analysiert, welche Reaktionen die Beiträge unterschiedlicher Parteien bei Facebook auslösen (neben dem altbekannten Like stehen dort Liebe, Lachen, Überraschung, Traurigkeit und Wut zur Auswahl). Dafür wertete er insgesamt über 4000 Beiträge aus, die über ein Jahr verteilt veröffentlicht wurden. Die meisten davon stammten von der FDP, die wenigsten von den Grünen. Die AfD hatte nicht nur die meisten Facebook-Fans (über 300 000), sondern erhielt auch die meisten Likes (rund 2,5 Millionen).

Beiträge der SPD werden nach Aussage von Holnburger im Vergleich zu den anderen Parteien besonders häufig mit einem Herz belohnt (ein Drittel der Reaktionen). CDU und CSU erhalten vor allem lachende Resonanz (etwa 40 Prozent der Reaktionen), wobei nach Holnburger unklar bleibt, ob das Zeichen gemeinsamer Freude oder Auslacher sind. Bei der AfD dominiert die Emotion Wut (etwa 60 Prozent der Reaktionen). Erstaunlich: Etwa jede fünfte Reaktion auf Beiträge von FDP, Grünen, SPD und Linken ist ein weinendes Gesicht, das Zeichen für Traurigkeit. Die Persönlichkeit einer Partei spiegelt, das wird hier deutlich, also nicht unbedingt die Persönlichkeit der Interaktionspartner wider.

Diesen Kontrast verdeutlichen auch Analysen von Instinctif, einer Kommunikationsberatung. Sie wertete aus, wie häufig die Parteien selbst auf Twitter aktiv sind und wie häufig über sie gesprochen wird. Obwohl die AfD selbst bei Twitter selten das Wort ergreift, wird über sie am meisten gesprochen. Einen geringeren, aber ebenfalls großen Unterschied gibt es bei SPD, Grünen und FDP, die bei Twitter vergleichsweise wenig selbst posten, aber überproportional häufig erwähnt werden.

Für das Ausmaß medialer Präsenz sind Emotionen entscheidend, zu diesem Schluss kommen William Brady und Kollegen. Sie untersuchten, welche politischen Tweets sich besonders stark verbreiten. In ihrer Studie analysierten sie mehr als eine halbe Million Tweets zu den Themen Waffenbesitz, gleichgeschlechtliche Ehe und Klimawandel. Wie sich zeigte, tragen vor allem solche Wörter, die emotional und moralisch stark aufgeladen sind, zur Verbreitung der Botschaften bei: Jedes solche Wort erhöht die Wahrscheinlichkeit eines Retweets, einer Weitergabe der Mitteilung, um 20 Prozent. Diese Tweets verbreiteten sich allerdings vornehmlich unter politisch Gleichgesinnten, sodass moralisch-emotional aufgeladene Tweets eher zur Wählermobilisierung denn zur Wählerüberzeugung taugen.

Um die Wähler zu überzeugen, empfiehlt es sich, auf den häufig kritisierten Politikersprech zu verzichten, also Inhalte statt Floskeln zu bieten. Das „BlaBla-Meter“ ist ein Onlinetool, das sich zum Ziel gesetzt hat, heiße Luft in Texten zu entlarven und mit einem „Bullshit-Index“ zu quantifizieren. Als hochwertige Texte gelten danach nur die Wahlprogramme von Grünen, Linken und SPD. Es folgt dicht dahinter die CDU. Etwas abgeschlagen sind FDP und schließlich AfD. Den beiden Letztgenannten bescheinigt das „BlaBlaMeter“ in seiner automatisierten Auswertung: „Ihr Text riecht schon deutlich nach heißer Luft – Sie wollen hier wohl offensichtlich etwas verkaufen oder jemanden tief beeindrucken.“

Mit Pennebakers Textanalyseprogramm lassen sich weitere individuelle Unterschiede zwischen den Parteien aufdecken: Die beiden derzeitigen Regierungsparteien zeichnen sich durch wenig Zögerlichkeit und viel Gewissheit aus. Besonders sozial zeigt sich die SPD, dicht gefolgt von der CDU/CSU. Weit abgeschlagen ist in dieser Kategorie die AfD. Rückwärtsgewandt, was die sprachlichen Zeitformen angeht, ist vor allem die Union, während die SPD vor allem über die Zukunft schreibt. Berufliche Aspekte prägen die FDP, die Grünen dagegen kaum. Geld wird bei der Linken besonders häufig thematisiert, bei Grünen und CDU/CSU deutlich weniger. Und Religiosität ist ein Thema, das hauptsächlich AfD und CDU/CSU beschäftigt.

Partei und Person: Passen wir zusammen?

Nicht nur Parteien unterscheiden sich freilich, sondern auch die (potenziellen) Wählerinnen und Wähler. Eine grundlegende Ursache für Unterschiede in parteipolitischen Präferenzen sind Unterschiede in moralischen Überzeugungen. Wie der Moralpsychologe Jonathan Haidt zusammen mit Kollegen feststellte, zeichnen sich Personen mit eher linken politischen Überzeugungen (die vornehmlich SPD, Grüne oder Linke wählen) durch einen positiven, optimistischen Blick auf Menschen aus. Sie präferieren im Allgemeinen Veränderungen, sowohl in ihrem eigenen Leben als auch auf gesellschaftlicher Ebene.

Personen mit eher konservativen oder rechten politischen Überzeugungen zeichnen sich dagegen durch einen negativeren Blick auf die Menschen aus. Sie gehen davon aus, dass Menschen meist egoistisch handeln und Autoritäten und Traditionen benötigen, um sich in einer Gesellschaft angemessen zu verhalten. Sie bevorzugen im Allgemeinen Stabilität statt Veränderungen. In den aktuellen Wahlprogrammen werden Veränderungen besonders von der FDP, gefolgt von Grünen und Linken thematisiert (vermutlich aus ihrer Rolle als Opposition heraus). Hingegen sind Veränderungen im Wahlprogramm der Union selten, was sicherlich zum einen auf ihre konservativen Werte zurückgeht, zum anderen darauf, dass sie derzeit Regierungsverantwortung trägt.

Ob wir auf Basis der „Persönlichkeit“ unterschiedlicher Parteien beziehungsweise ihrer Passung zu unserer eigenen Persönlichkeit Wahlentscheidungen treffen sollten, bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Ich persönlich habe nun bei der Vorbereitung dieses Textes alle Wahlprogramme gelesen und werde noch den Wahl-O-Mat um Rat fragen, um dann spätestens bis zur Bundestagswahl die Partei zu finden, die am besten zu mir passt.

Zum Weiterlesen

William J. Brady, Julian A. Wills, John T. Jost, Joshua A. Tucker & Jay J. Van Bavel (2017). Emotion shapes the diffusion of moralized content in social networks. Proceedings of the National Academy of Sciences: Psychological and Cognitive Sciences, 114, S. 7313-7318.

Jesse Graham, Jonathan Haidt & Brian A. Nosek (2009). Liberals and conservatives rely on different sets of moral foundations. Journal of Personality and Social Psychology, 96, S. 1029-1046.

Josef Holnburger (2017). AfD-Anhänger sind besonders wütend, die SPD hat viel Herz und die FDP ist sehr traurig – zumindest auf Facebook.

Matthias R. Mehl, Samuel D. Gosling & James W. Pennebaker (2006). Personality in its natural habitat: Manifestations and implicit folk theories of personality in daily life. Journal of Personality and Social Psychology, 90, S. 862-877.

James W. Pennebaker & Laura A. King (1999). Linguistic styles: Language use as an individual difference. Journal of Personality and Social Psychology, 77, S. 1296-1312.

Nico Siegel, Marco Giesselmann & Gert G. Wagner (2017). Die Macht des Konkreten. Zeit Online.

Lars Wienand (2017). Linguist vergleicht Wahlprogramme: Bei Union fehlt der Inhalt. Berliner Morgenpost.

Markus Wolf, Andrea B. Horn, Matthias R. Mehl, Severin Haug, James W. Pennebaker & Hans Kordy (2008). Computergestützte quantitative Textanalyse: Äquivalenz und Robustheit der deutschen Version des Linguistic Inquiry and Word Count. Diagnostica, 54, S. 85-98.

psychologie heute-blog.
über plötzliche veränderungen.

10 Okt

Bild von Thomas Hawk

Vor zwei Monaten stand ich vor einer großen Entscheidung, aber mit meinem Gefühl stimmte etwas nicht: Ich war unsicher, meine Intuition versagte. Im Urlaub, mit etwas Abstand und viel Zeit, war es dann ganz einfach. Erstaunlich, dass man sich erst noch in einem grundlegenden Selbstfindungsprozess verwickelt meint und sich dann – von einem Moment zum nächsten – alles wie von Zauberhand sortiert. Dass manchmal plötzlich alles anders ist mit unserem Identitätsgefühl fand sich auch in einer Studie von Brent Roberts und Kollegen, die überraschenderweise zeigte, dass sich die Persönlichkeit sprunghaft entwickeln kann. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Vor zwei Monaten stand ich vor einer großen Entscheidung, ich war auf Wohnungssuche. An der Wohnung mangelte es nicht, ich hatte eine wirklich gute gefunden: zentrumsnah und im Grünen; gut angebunden und dennoch ruhig; im 5. Stock mit Blick auf Baumwipfel und mit Fahrstuhl. Nur mit meinem Gefühl stimmte etwas nicht: Ich war unsicher, meine Intuition versagte. Schließlich, so kam es mir vor, ist ein Wohnungskauf gleichzeitig eine Entscheidung für eine Zukunft, die man noch nicht kennt und somit auch eine Entscheidung gegen ungeahnte Lebenswege.

Ich bin dann in die USA geflogen und habe einige Tage auf einem Road Trip entlang der kalifornischen Küste verbracht. Es war wunderschön, perfektes Wetter, atemberaubende Natur, beeindruckende Städte und vor allem viel Zeit (die ich sonst nie habe). Und plötzlich war alles klar, ich war mir sicher, so absolut sicher, dass ich nach meiner Rückkehr direkt die Wohnung gekauft habe. Ist das nicht erstaunlich? Dass man sich erst noch in einen grundlegenden Selbstfindungsprozess verwickelt meint und sich dann – von einem Moment zum nächsten – alles wie von Zauberhand sortiert?

Dieses Gefühl des Sortiertseins, oder besser des Festlegens, wird in der Persönlichkeitsforschung häufig mit Commitment beschrieben. Man sucht nicht mehr nach Alternativen, man hat sein persönliches Optimum gefunden. Oft geht man davon aus, dass dieser Abwägungsprozess ein mehrjähriges Unterfangen ist. So lang brauche das Gefühl, um sich tatsächlich festzulegen. Im Großen mag das stimmen, und doch ist dies nicht die erste Lebensentscheidung, die mich auf einmal restlos von sich überzeugt.

Dass manchmal plötzlich alles anders ist mit unserem Identitätsgefühl, entspringt nicht nur meiner persönlichen, zugegebenermaßen überschaubaren anekdotischen Evidenz, sie fand sich auch in einer Studie von Brent Roberts. Zusammen mit Kollegen deckte er auf, dass sich die Persönlichkeit durch Interventionen – beispielsweise Trainings oder Therapien – verändern kann. Überraschend daran war, dass schon kurze Interventionen über acht Wochen hinweg einen Einfluss auf die Persönlichkeit hatten und sich ihr Effekt selbst über viele Monate hinweg hielt.

Mindestens zwei Dinge sind daran bemerkenswert: (1) Es ist große Vorsicht geboten, die Persönlichkeit von Menschen zu ändern. Man stelle sich nur vor, dass dies ein Vorläufer für eine Zukunft sei, in der es nur noch eine Persönlichkeit gibt, was – egal welche Persönlichkeit das wäre – einen riesigen Verlust an Vielfalt und individueller Besonderheit darstellen würde. Und (2), zum eigentlichen Thema dieses Textes, zeigt es, dass sich die Persönlichkeit sprunghaft entwickeln kann.

Bisher dachten wir, Veränderungen in der Persönlichkeit seien das Resultat vieler kleiner Schritte. Erst würden neue Verhaltensweisen ausprobiert, die sich dann in veränderten Verhaltensgewohnheiten und schließlich in der Persönlichkeit niederschlagen. Dabei kann es ganz schnell gehen. Das heißt: Was heute ist, war gestern vielleicht anders und muss morgen nicht mehr so sein. Für unsere Entscheidungsfreude ist das eine ebenso einschüchternde wie ermutigende Nachricht: Es nützt nichts, die Zukunft abzuwarten, denn wir und unser Umfeld können uns sprunghaft verändern. Insofern können wir uns auch festlegen, im Hier und Jetzt, und wenn es sich später richtig anfühlt, dann können wir uns die Freiheit erlauben, der Entscheidungsfreude auf einen neuen Lebensweg zu folgen.

Zum Weiterlesen

Anna Lichtwarck-Aschoff, Paul van Geert, Harke Bosma & Saskia Kunnen (2008). Time and identity: A framework for research and theory formation. Developmental Review, 28, S. 370-400.

Brent Roberts & Joshua J. Jackson (2008). Sociogenomic personality psychology. Journal of Personality, 76, S. 1523-1544.

Brent W. Roberts, Jing Luo, Daniel A. Briley, Philip I. Chow, Rong Su & Patrick L. Hill (2017). A systematic review of personality trait change through intervention. Psychological Bulletin, 143, S. 117-141.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin eine von derzeit vier KolumnistInnen – und ich bin eine davon – über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

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über die suche nach einem neuen zuhause.

15 Aug

Blick vom Klunkerkranich

Wir sitzen im Klunkerkranich, einer Mischung aus Café, Club und Kleingartenanlage auf der höchsten Ebene eines Neuköllner Parkhauses und schauen über die Dächer Berlins. So viele Dächer, mit so vielen Wohnungen darunter, da muss doch eine Passende für mich dabei sein, denke ich. Die Wohnungssuche in Berlin gleicht allerdings, das ist kein Geheimnis, einer Odyssee. Und fördert in meinem Fall eine grundlegende Unsicherheit zutage. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Wir sitzen im Klunkerkranich, einer Mischung aus Café, Club und Kleingartenanlage auf der höchsten Ebene eines Neuköllner Parkhauses und schauen über die Dächer Berlins. So viele Dächer, mit so vielen Wohnungen darunter, da muss doch eine Passende für mich dabei sein, denke ich. Die Wohnungssuche in Berlin gleicht allerdings, das ist kein Geheimnis, einer Odyssee. Und fördert in meinem Fall eine grundlegende Unsicherheit zutage.

Multiple Wohnungsbesichtigungen liegen hinter mir, die oft so ablaufen, wie ich mir Blind Dates vorstelle: Man gibt sich gut gelaunt und nachsichtig (ein großer Brandfleck im Wohnzimmer? Kein Problem!), legt detaillierte Informationen zur familiären und finanziellen Situation auf den Tisch und verabschiedet sich mit dem Versprechen „Ich melde mich!“.

Dann vielleicht doch lieber kaufen statt mieten, denke ich. Die potentielle Lieblingswohnung wird allerdings mit den Worten beworben: „Gentrifizierung eines coolen Kiezes – das kann man eigentlich niemandem vorwerfen!“ Es scheint, als müsse man vor dem Wohnungskauf noch kurz den Idealismus überwinden. Davon abgesehen stimmt vieles daran. Und auch meine Klunkerkranich-Begleitung meint, die drei wichtigsten Merkmale einer guten Wohnung seien: Lage, Lage, Lage. Insofern alles passend.

Ich kann mich dennoch nicht zu einer Entscheidung durchringen und das ist ungewöhnlich, weil ich – wie die regelmäßigen Lesenden dieses Blogs wissen – eigentlich entscheidungsfreudig bin. Normalerweise sammle ich alle erdenklichen Informationen und lasse dann meine Intuition, mein informiertes Gefühl, entscheiden. Aber mit meinem Gefühl stimmt etwas nicht, es legt sich dieses Mal nicht fest.

Das eigentliche Problem bringt dann meine Tochter auf den Punkt, die feststellt, dass ich eine solche Wohnung bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag abbezahlen müsste, nämlich länger als ich bisher lebe. Das dürfte eigentlich kein Problem sein, schließlich lebe ich in einer Stadt, die ich liebe, habe hier einen unbefristeten Job, den ich liebe, was soll da schon passieren. Alles Mögliche kann passieren, warnt mein Gefühl, und malt sich ungeahnte Lebenswege aus.

In der Psychologie werden solche Unsicherheiten als ein Aspekt der Identitätsfindung beschrieben. Zwar entwickelt sich die Identität meist bereits im Laufe des jungen Erwachsenenalters, das ich mit meinem 30. Geburtstag bereits überschritten habe, aber in einer Welt der scheinbar unbegrenzten Möglichkeitenkommt dieser Selbstfindungsprozess immer später zum Erliegen, wenn überhaupt. Denn die Vielzahl an Möglichkeiten regt das Überdenken sozialer Rollen an, den Aspekt der sogenannten reconsideration, das Hinterfragen des Bestehenden und die Suche nach Alternativen. Erst, wenn im Detail ausprobiert und exploriert wurde, fühlen sich viele Menschen in der Lage sich festzulegen, sogenanntes commitment zu zeigen.

Ein stabiles Identitätsgefühl hilft Menschen dabei ihr Leben als einheitlich, zielgerichtet und sinnhaft zu erleben und ist das Resultat eines mehrjährigen Entwicklungsprozesses. Vielleicht möchte mir mein Gefühl mit seiner Unsicherheit also nahelegen, dass es sich noch im Explorationsmodus befindet. Vielleicht unterliege ich aber auch einfach dem Charme Berlins, das bisher immer wieder für glücksbringende Überraschungen gesorgt hat. Oder ich bin doch eher der Typ „Mieterin“. Wer weiß das schon. Ich bin gespannt, wie sich mein Gefühl entscheidet.

Zum Weiterlesen

Elisabetta Crocetti, Monica Rubini und Wim Meeus (2008). Capturing the dynamics of identity formation in various ethnic groups: Development and validation of a three-dimensional model. Journal of Adolescence, Vol. 31, S. 207-222.

Dan P. McAdams und Bradley D. Olson (2010). Personality development: Continuity and change over the life course. Annual Review of Psychology, Vol. 61, S. 517-542.

Rita Zukauskiene (2016). Emerging adulthood in a European context. London/New York: Routledge.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin eine von derzeit vier KolumnistInnen – und ich bin eine davon – über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

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über gewonnene zeit.

19 Jun

Foto von Stefanos Papachristou

Zeit ist eine wertvolle Ressource. Statt sie zu verlieren oder zu verschwenden versuchen wir deshalb meist Zeit zu gewinnen und unsere Zeitnutzung zu optimieren. Obwohl dieses Ziel verbreitet ist, sind die Wege dorthin divers und führen über strikte Zeitpläne, die Beschränkung auf Gelegentlichkeit oder die subjektive Zeitdehnung. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Dieser Text beginnt in Kopenhagen, auf dem Flughafen. Air Berlin verspätet sich und die damit verlorene Zeit schmerzt, denn sie war für diesen Text verplant. Aber was heißt das schon ‚verlorene Zeit’, in dieser digitalen Welt, in der ein Arbeitsplatz – auch meiner – in vielen Fällen nur Strom und WLAN braucht. Beides ist da und so geht die Zeit nun doch nicht beim Warten verloren. Das kann man sich ohnehin kaum leisten, schließlich ist die Zeit zu einer der wertvollsten Ressourcen geworden.

Zeit zu gewinnen ist also das Ziel. Vor wenigen Jahren schlug ich dafür vor, die Schlafdauer zu optimieren (das heißt zu reduzieren). Mittlerweile schlafe ich länger und habe das Gefühl, dadurch (ausgeschlafene) Lebenszeit zu gewinnen. Diesen Ansatz, Zeit zu gewinnen, in dem Prioritäten neu bewertet werden, verfolgt auch Cal Newport. Er empfiehlt: „Do very few things, but be awesome at them.“ Qualität statt Quantität also. Klappen soll das mit strikten Zeitplänen, die jeder Stunde der Woche eine Aufgabe zuordnen und damit dem ambitionierten Überschwang realistische (Zeit-)Grenzen aufzeigen.

Newports Beobachtung nach sagen Menschen nämlich zu viele Dinge zu. Das führt zu überfüllten To-do-Listen, die wiederum Stress und mittelprächtige Leistung begünstigen. Denn paradoxer Weise widmen sich viele – sind sie mit einer kaum zu bewältigenden Menge an Anforderungen konfrontiert – der Bearbeitung einfacher, schnell bearbeitbarer Tätigkeiten. Eben jenen Tätigkeiten, die meist eher Zeit verschwenden als sie zu nutzen. Newport meint, wir sollten stattdessen eine lange Liste an Dingen, die wir gern tun (aber nicht schaffen) aufgeben zugunsten eines kurzen Zeitplans mit den Dingen, die wir unbedingt tun möchten.

Es geht aber auch ganz anders. Statt die Woche am Montagmorgen in handhabbare Portionen zu zerstückeln, propagiert Stephan Porombka die Gelegentlichkeit. Auch er meint, man könne ja nicht alles erledigen, nicht alles haben, lesen, schreiben, posten, kommentieren. Und er folgert daraus für die Artisten der Gelegentlichkeit: „Das Beste ist, man wartet auf Gelegenheiten. Und wenn sie da sind, macht man was Schönes draus.“ Offenheit für Spontaneität also statt Plan und Struktur. Unverhofftes, kleines Glück statt große Lebensoptimierung.

Oder man nutzt die subjektive Zeitdehnung: Die Zeit fliegt, wenn viel zu tun ist, bei wenig Emotionen und wenn man die Zeit vergisst, wie beim Flow. Und die Zeit dehnt sich bei wenig Hektik, auch bei starken Emotionen oder wenn die Aufmerksamkeit auf der Zeit liegt. Verknüpft ist das subjektive Zeitempfinden mit einem Paradoxon: Vergeht die Zeit im Moment schnell, erscheint sie uns in der Erinnerung oft lang. Denn rückblickend sind die Lebensphasen lang, in denen wir viele Erinnerungen gesammelt haben, in neuen, wenig gewohnten Situationen.

Wir gewinnen also (gefühlte) Zeit durch Veränderungen im Leben. Tatsächlich: Wie oft bin ich in den letzten Monaten durchs Leben gehetzt, bin erst zu einem neuen Job nach Lübeck gependelt und dann zu einem neuen Job nach Berlin gewechselt, habe neue Freunde und Kolleginnen kennengelernt, neue Lieblingsbeschäftigungen entdeckt und neue Gewohnheiten etabliert. Es war nie Zeit, aber im Rückblick kommt mir das vergangene Jahr wie eine Ewigkeit vor. Denn ob geplant oder spontan: Reich an Zeit ist (in gewisser Weise) diejenige, die reich ist an Veränderungen und an Erinnerungen.

Zum Weiterlesen

Eric Barker (2014). How to be the most productive person in your office — and still get home by 5:30 p.m. The Week.

Stephan Porombka (2015). Komm ich heut nicht, komm ich morgen. Die Zeit, 51.

Marc Wittmann (2016). Gefühlte Zeit: Kleine Psychologie des Zeitempfindens (4. Auflage). München: Verlag C. H. Beck.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin eine von derzeit vier KolumnistInnen – und ich bin eine davon – über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

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über den wunsch nach irritation.

25 Apr

„March

Bild von Bernd Wannenmacher – entstanden beim March for Science in Berlin

Ich liebe (scheinbare) Widersprüche: Einerseits für freie Wahlen zu sein und andererseits für Entscheidungen per Los. Für Feminismus und den Schutz des ungeborenen Lebens. Für Umweltschutz und für Spaß am Autofahren. „Die Welt ist kompliziert, gerade deshalb ist sie schön“, finden die InitiatiorInnen des March for Science Berlin. Und ich auch. Aber statt Komplexität und Widersprüche auszuhalten gibt es eine ‚Kultur der Irritationsvermeidung‘, meint Peter Strohschneider. Hoffentlich ändert sich das bald, schließlich sind mit den sozialen Medien die Gegenargumente heutzutage mit einem Klick erreichbar. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Kürzlich traf ich mich mit einer Bundestagsabgeordneten. Noch ganz beseelt vom inspirierenden Gespräch über Politik und die Welt, las ich auf dem Rückweg das Buch Gegen Wahlen des niederländischen Autors David van Reybrouck in dem – im starken Kontrast zum vorherigen Gespräch – Abstimmungen für undemokratisch erklärt werden. Auch davon fühlte ich mich inspiriert. Ich liebe diese scheinbaren Widersprüche: Einerseits schlägt mein Demokratinnen-Herz höher, wenn sich, wie bei der letzten Landtagswahl in Berlin, wegen großen Andrangs lange Schlangen vor den Wahlkabinen bilden. Andererseits überzeugen mich die Vorteile einer deliberativen Demokratie, in der geloste statt gewählte Bürgerinnen und Bürger entscheiden.

Unter dem Label Diversity wird momentan laut für die vielfältige Zusammensetzung von Entscheidungsgremien gekämpft, zum Glück immer erfolgreicher. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass es eine sinkende Diversität innerhalb von Personen gibt. Aber ich möchte für Feminismus sein können und gleichzeitig für den Schutz des ungeborenen Lebens. Ich möchte für Umweltschutz sein und gleichzeitig anerkennen können, dass Autofahren Spaß macht. Ich möchte Angela Merkel weiterhin übelnehmen können, dass sie sich 2003 für den Irakkrieg ausgesprochen hat und gleichzeitig ihr „Wir schaffen das!“ wertschätzen.

„Die Welt ist kompliziert, gerade deshalb ist sie schön“, steht im Leitbild des March for Science Berlin, der am Samstag nicht nur dort, sondern in zahlreichen Städten weltweit viele Menschen auf die Straße zog. Stimmt, aber diese Komplexität mit ihren Widersprüchen auszuhalten ist nicht selbstverständlich. Peter Strohschneider, Präsident einer wichtigen Forschungsförderungsorganisation, spricht in diesem Zusammenhang von einer „Kultur der Irritationsvermeidung“: Als Reaktion auf eine komplexe Welt verfallen immer mehr Menschen dem Populismus, der mit einfachen Antworten von Komplexität und Irritationen entlastet.

Den sozialen Medien wird bei der Irritationsvermeidung eine zentrale Rolle zugesprochen. Statt morgens eine Tageszeitung zu überfliegen, um diverse Perspektiven auf das Weltgeschehen abzugreifen, verlören wir uns in den Echokammern von Twitter, Facebook und Co. Aber natürlich sind auch viele Print-Medien auf eine bestimmte Leserschaft ausgerichtet, bieten also nicht notwendigerweise diverse Perspektiven. Dem kann man gezielt entgegenwirken und beispielsweise bei linker politischer Überzeugung die F.A.Z. abonnieren und bei konservativer Einstellung die taz, um sich so auch mit den Argumenten der Gegenseite auseinanderzusetzen.

Via sozialer Medien sind die Argumente von Personen mit anderen politischen Einstellungen und Überzeugungen dagegen nur einen Klick entfernt. Tatsächlich zeigten Bakshy und Kollegen, dass es nicht auf Filterblasen zurückzuführen ist, dass Menschen bei Facebook vor allem auf Meldungen Gleichgesinnter treffen, sondern auf die Wahl ihres sozialen Netzwerks. Es ist also nicht der Algorithmus einer Onlineplattform, der uns immer wieder mit einseitigen Postings in unseren Einstellungen bestärkt. Vielmehr ist es unser soziales Netzwerk, das uns online und offline prägt. Insofern können Online-Medien den Zugang zu diverseren Meinungen sogar erleichtern.

Das Bedürfnis, Irritationen zu vermeiden, wird in der Psychologie mit „Intoleranz gegenüber Ambiguität“ beschrieben. Personen mit einer solchen Intoleranz empfinden mehrdeutige, unklare Situationen als bedrohlich. Sie neigen dazu, wenig offen für unterschiedliche Perspektiven zu sein und im Zweifel am Status quo festzuhalten. Die Suche nach schnellen, klaren Antworten stärkt jedoch alte Stereotype statt informierte Abwägungen. Da (fast) alles ein für und wider hat, sollten wir uns irritieren lassen, von der Papier-Zeitung, den Andersdenkenden und – nur einen Klick entfernt – in den sozialen Medien. Denn Widersprüche sind real und sie sind wertvoll.

Zum Weiterlesen

Eytan Bakshy, Solomon Messing, & Lada A. Adamic (2015). Exposure to ideologically diverse news and opinion on Facebook. Science, 348, 1130-1132.

John T. Jost, Jack Glaser, Arie W. Kruglanski & Frank J. Sulloway (2003). Political conservatism as motivated social cognition. Psychological Bulletin, 129, 339-375.

David Van Reybrouck (2016). Gegen Wahlen: Warum Abstimmen nicht demokratisch ist. Göttingen: Wallstein Verlag.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin eine von derzeit vier KolumnistInnen – und ich bin eine davon – über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

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über einen neuen namen.

27 Feb

Bild von Thang Le

Bild von Thang Le

Ich habe meinen Namen ändern lassen. Nun heiße ich auch offiziell Jule Specht. Nicht nur wie bisher für Freunde, Kolleginnen und die Öffentlichkeit, sondern so steht es jetzt auch im Pass. Damit passt nun mein Identitätsgefühl zu meiner offiziellen Identität. Und eine unkonventionelle anti-aging-Maßnahme ist das außerdem, denn mein verkürzter Vorname ist deutlich jünger als ich. Insofern kann ich Baptiste Coulmont nur zustimmen, wenn er schreibt: „Name changes are good examples of identity changes.“ [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Ich habe meinen Namen ändern lassen. Nun heiße ich auch offiziell Jule Specht. Nicht nur wie bisher für Freunde, Kolleginnen und die Öffentlichkeit, sondern so steht es jetzt auch im Pass. Vorher habe ich etwa zwei Jahre lang abgewogen. Bis ich dann im Dezember mit einem Lieblingsfreund auf Gran Canaria war, wir aufs Meer schauend die Argumente wälzten und er schließlich feststellte, dass er wohl vor einer Namensänderung zurückschrecken würde, es aber zu mir passt, das durchzuziehen, was ich für richtig halte. Stimmt. Und so wurde ein Neujahrsvorsatz noch vor dem Frühlingsanfang in die Tat umgesetzt.

Einfach ist das nicht, denn das Recht auf Vornamensgebung liegt bei den Eltern. Zum Glück kann ein mehrseitiges Begründungsschreiben den zuständigen Mitarbeiter beim Standesamt überzeugen. Dennoch bleibt ein ungutes Gefühl bei einer so persönlichen, identitätsstiftenden Angelegenheit wie dem eigenen Namen vom Wohlwollen anderer abhängig zu sein. Konflikte zwischen dem eigenen Identitätsgefühl und der offiziellen Identität riskieren nämlich eine identity confusion. Diese wiederum kann nach Theo Klimstra und Lotte van Doeselaar eine ernste psychische Belastung werden.

Als die Mitarbeiterin im Bürgerbüro mir einen neuen Pass bestellt, fügt sie hinzu, sie hätte bei der Gelegenheit gleich den Nachnamen mit geändert, der sei ja mittlerweile auch irgendwie obsolet. Stimmt einerseits: Schließlich ist es der Nachname einer großen, aber vergangenen Liebe. Aber deshalb nach über zehn Jahren wieder den Mädchennamen annehmen? Was macht das mit einer weiblichen Identität, wenn man vom Nachnamen des Vaters zum Nachnamen des Ehemannes wechselt und sich von beiden emanzipiert? Deshalb andererseits: Der Name gehört zu mir, keine Identitätskonfusion in Sicht, der bleibt.

Wobei, am liebsten wäre es mir ja, es gäbe – wie im öffentlichen Nahverkehr – eine Art Vierfahrten-Karte für die Namensänderung. Man könnte neue Identitäten ausprobieren statt in alten sozialen Rollen festzuhängen und, sollten sich diese bewähren, diese mit einer Namensänderung besiegeln. In einem schönen Artikel im Süddeutsche Zeitung Magazin gibt der Psychologe Dieter Frey allerdings zu bedenken: „Wenn ich die Chance habe, nur ich sein zu dürfen – wäre das ein Dauerzustand, oder hole ich nur bestimmte Defizite nach, die im Alltag zu kurz kommen?“

Eine vorübergehende Identität um Defizite auszugleichen? Gern, ich sprühe nur so vor Defiziten, die ich gern mal überwinden würde. Und so sitze ich mit Max, einem Freund, in einer Kreuzberger Bar und designe neue Identitäten. Später traue ich mich dann aber doch nicht diese auszuprobieren. Für die Vornamensverkürzung reicht der Mut jedoch noch. Und obwohl mir dieses Bedürfnis individuell vorkommt, ist es das nicht. Laut Baptiste Coulmont gibt es vor allem drei Gründe dafür: (1) Anpassung an eine neue Kultur, (2) Anpassung an eine neue geschlechtliche Identität und (3) Verjüngung.

Tatsächlich wurde mein neuer Name erst 10 Jahre nach meiner Geburt populär. Kein Einzelfall, wie Coulmont zeigt: Die neuen Namen sind im Mittel etwa 25 Jahre jünger als die ursprünglichen Namen. Eine Art anti-aging-Maßnahme für die Identität, könnte man sagen. Das ist natürlich nur ein kleiner Aspekt des Namensänderungsbedürfnisses, aber ein interessanter, da ich mir doch oft zu alt für mein Alter vorkomme. Nun aber nicht mehr, schließlich hat kürzlich auch ein Lieblingskollege eine Tochter mit dem Namen ‚Jule’ bekommen. Ich bin namenstechnisch ganz offensichtlich im Jetzt angekommen.

Zum Weiterlesen

Baptiste Coulmont (2014). Changing one’s first name in France: A fountain of youth?. Names, 62, 137-146.

Theo A. Klimstra und Lotte van Doeselaar (im Druck). Identity formation in adolescence and young adulthood. In J. Specht (Editorin), Personality development across the lifespan. San Diego: Elsevier.

Susanne Schneider (2017). Wer ich wäre. Süddeutsche Zeitung Magazin, 4.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin eine von derzeit vier KolumnistInnen – und ich bin eine davon – über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

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über einen verschwundenen.

2 Jan

Bild von Tiger Pixel

Bild von Tiger Pixel

Mein alter Schulkamerad V. ist seit fünf Jahren unauffindbar. Kann ich mir kaum vorstellen, in dieser digital age. So analog kann man doch gar nicht sein, dass man einfach so verschwindet, denke ich. Oder? Gibt es die noch, die letzte analoge Bastion? Wo ist das und wer scheut die digitale Bühne in social media? Und vor allem: Wo ist V.? [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Ich stehe an einem einsamen Bahngleis im schleswig-holsteinischen Nowhereland und warte auf meinen Zug nach Berlin. Der einzige Mitwartende ist ein junger Mann mit Fahrrad, der mir etwas zu tief in die Augen schaut, als dass ich das so einfach ignorieren kann. Und tatsächlich, ich erinnere mich, es ist Robert, ein alter Schulkamerad, mit dem ich vor elf Jahren mein Abitur machte. So ein Zufall! Während der anschließenden Zugfahrt reden wir über die gemeinsame Zeit und die Jahre danach und kommen auf unseren Schulkameraden V. zu sprechen, der, so stellt sich heraus, seit fünf Jahren unauffindbar ist.

Kann ich mir kaum vorstellen, in dieser digital age. So analog kann man gar nicht sein, dass man einfach so verschwindet, denke ich. Google, Facebook, Twitter und Co helfen nicht weiter, wäre ja auch zu einfach gewesen. Fast vergessene Schulfreunde tauchen dort auf, doch bei allen verläuft sich V.’s Spur im Oktober 2011. Alte Telefonnummern und Mailadressen führen ins Leere, auch die Telefonauskunft weiß nicht weiter. Eine Freundin fährt bei seiner alten Adresse vorbei, aber seine Familie ist vor Jahren aus der Stadt gezogen.

Mit Florian, einem Freund, sitze ich in Lübecks alter Mühle und frage nach Rat: Kann man in heutiger Zeit wirklich verschwinden, in eine analoge Welt abtauchen? Oder ist V. unauffindbar, weil es ihn nicht mehr gibt, weder digital noch analog? Die Sorge wächst, ich fange an, Todesanzeigen zu screenen. Florian erzählt von einem ehemaligen Kommilitonen, ein schillernder Typ mit Cabrio, der plötzlich nicht mehr im Seminar saß, dafür im Gefängnis, wegen Drogenhandels. Auch er ein Verschwundener, denn im Gefängnis gibt es kein social media, vielleicht eine letzte analoge Bastion?

Nun will ich V. wirklich finden, schon um mein ungutes Gefühl zu beruhigen. Ich frage meinen alten Tango-Tanzpartner, der bei der Bundespolizei arbeitet. Ist V. im Gefängnis oder gewaltsam gestorben, dann müsste er davon wissen. Er weiß von nichts. Eine Andeutung, die Hoffnung macht. Ein befreundeter Journalist empfiehlt in klassischer Recherche-Manier das Bürgeramt. Melderegisteranfragen gehen dort nur per Post oder Fax (hello digital age!), manchmal reicht viel Charme. Es dauert trotzdem ewig, denn für jeden neuen Wohnort ist ein anderes Bürgeramt zuständig.

Irgendwann lande ich in der sächsischen Pampa. Eine vergnügte Sachbearbeiterin teilt mir per Mail mit, sie dürfe nichts sagen, das ginge nur per Post, sie sei aber guten Mutes. Und sie gratuliert herzlich zum neuen Job und den beiden (nicht so neuen) Kindern, sie lese jetzt nämlich meinen Blog. Was für ein Kontrast zwischen mir, der Suchenden, die regelmäßig fast schamfrei über Persönliches schreibt und V., seit fünf Jahren unauffindbar. Doch dann kommt der Brief: V. lebt, in einem kleinen Ort bei Chemnitz, wie sich herausstellen wird, gesund und munter.

Eine große Erleichterung! Es gibt sie also noch, die nur scheinbar Verschwundenen, die Analogen. Ich lese bei Tracii Ryan und Sophia Xenos, es seien vor allem die Gewissenhaften und Schüchternen, die auf die digitale Bühne in social media verzichten. Aber David Hughes und Kollegen relativieren, diese Persönlichkeitsunterschiede werden kleiner, weil hierzulande mittlerweile quasi alle online seien. Zumindest bleiben die Analogen verschont von social bots und psychological targeting, vielleicht sind sie die Einzigen, die noch unmanipuliert durchs Leben gehen. Aber unauffindbar, das sind sie nicht, wenn man sie sucht.

Zum Weiterlesen

Wolfie Christl und Sarah Spiekermann (2016). Networks of control: A Report on Corporate Surveillance, Digital Tracking, Big Data & Privacy. Wien: facultas.

David J. Hughes, Moss Rowe, Mark Batey und Andrew Lee (2012). A tale of two sites: Twitter vs. Facebook and the personality predictors of social media usage. Computers in Human Behavior, Vol. 28, S. 561-569.

Tracii Ryan und Sophia Xenos (2011). Who uses Facebook? An investigation into the relationship between the Big Five, shyness, narcissism, loneliness, and Facebook usage. Computers in Human Behavior, Vol. 27, S. 1658–1664.

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über schwere entscheidungen und glückliche zufälle.

7 Nov

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Foto von Pauli Antero

Wir treffen eine Vielzahl von grundlegenden Lebensentscheidungen unter großer Unsicherheit. Manchmal hilft die Intuition dabei und berücksichtigt sowohl vernünftige Abwägung als auch emotionale Präferenzen. Aber was, wenn die Intuition ratlos ist? Soll dann der Kopf entscheiden? Oder der Zufall? Mein Plädoyer: Im Zweifel immer die Veränderung wagen! [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Kürzlich musste ich eine grundlegende Lebensentscheidung treffen: Ich bekam eine Stelle in Lübeck angeboten, gleichzeitig tat sich eine vielversprechende berufliche Chance in Berlin auf. Was für ein Glück, was für ein Hochgefühl! Nun lagen zwei Lebenswege vor mir und ich musste eine folgenschwere Entscheidung treffen. Eine Woche habe ich abgewartet: Meist klärt das meine Intuition nach einiger „Bedenkzeit“ von selbst. Nicht in diesem Fall, sie war ratlos. Also half der Kopf nach: Ich holte alle erdenklichen Informationen ein, sprach mit alten und neuen Kolleginnen und Kollegen und mehreren Lieblingsmenschen. Letztendlich fiel die Wahl auf Lübeck.

Es kam dann ganz anders als erwartet. Gute Gründe für Lübeck lösten sich in Luft auf, dafür taten sich neue gute Gründe auf. „Man kann nie so kompliziert denken, wie es plötzlich kommt“, wusste schon Willy Brandt, wenn man dem – mit Zitaten gespickten – Flur in dem Lübecker Hotel glaubt, in dem ich zurzeit die erste Wochenhälfte verbringe. Da ist dann Intuition gefragt: Ein Geistesblitz als eine Mischung aus kühler Logik und heißen Gefühlen, der mit einer plötzlichen Einsicht die Entscheidung erleichtert, meint Wolf Lotter. Aber was, wenn der Geistesblitz ausbleibt?

Neulich wurde ich gefragt, warum ich in Münster studiert habe. Auch das war eine grundlegende Lebensentscheidung und ich war offen für alles, das Bauchgefühl also keine Entscheidungshilfe. Bei der Suche nach einer Antwort stoße ich auf alte Dateien aus dem Sommer 2004, meinem letzten Schulferiensommer. Ich habe damals anscheinend quasi alle Psychologie-Studienordnungen gelesen und meine Studienortwahl nach einem komplexen Entscheidungsschema getroffen, das die Schwerpunktfächer, Größe der Stadt, Entfernung zu den Eltern (nicht zu nah und nicht zu fern) und diverse Hochschulrankingsbeinhaltete. Heraus kam die Entscheidung für Münster – eine gute Entscheidung, aber wirklich besser als alle anderen?

Mit einem guten Freund sitze ich im eins44 in Neukölln, er lädt mich zur Feier der Lübeck-Zusage zum Essen ein. Und wir reden über meine Entscheidung für Lübeck trotz meiner Liebe zu Berlin. Er findet, es werden häufig falsche Entscheidungen getroffen, vielleicht nicht in diesem Fall, aber andernorts: Bei Stellenbesetzungen oder dem Verteilen von Forschungsgeldern zum Beispiel. Insofern hat er Sympathie dafür, den Zufall entscheiden zu lassen. Die Welt ist sowieso unvorhersehbar (vielleicht zum Glück!). Und die Vernunft kann zwar im Vorhinein mit viel Mühe Informationen sammeln und abwägen, ist dann aber doch unwissend und – schlimmer noch – systematisch verzerrt.

Steven Levitt war anscheinend ähnlicher Ansicht und nutzte den Zufall in einem Feldexperiment: Unentschlossene Menschen ließ er online zu einer wichtigen Lebensentscheidung eine Münze werfen. 20.000 Münzwürfe später zeigte sich: Die Unentschlossenen nehmen die Zufallsempfehlung ernst und diejenigen, die sich für eine Veränderung entschieden, waren ein halbes Jahr später glücklicher als diejenigen, die sich (vorerst) gegen eine Veränderung entschlossen. Statt den Zufall entscheiden zu lassen, empfiehlt Levitt den Unentschlossenen nun: „Wenn Sie sich nicht entscheiden können, sollten Sie das Neue wählen“.

Ob das Eingehen einer exklusiven Beziehung oder das Beenden einer ebensolchen, die Suche nach dem Studienort oder eine berufliche Weiterentwicklung, wir treffen eine Vielzahl von grundlegenden Lebensentscheidungen unter großer Unsicherheit. Meist ist völlig unklar, wie die Zukunft wird, was sie nur begrenzt rational zugänglich macht. Welche Entscheidung auch getroffen wird, viel wichtiger scheint mir, überhaupt Entscheidungen zu treffen. Denn keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung und vielleicht die schlechteste von allen Alternativen. Ich selbst lege mich deshalb gern fest. Aber gern immer wieder neu. Im Zweifel bin ich eigentlich immer für Veränderung. Aber auch das kann sich natürlich verändern.

Zum Weiterlesen

Die Junge Akademie (2015). Zufall – Wem fällt was zu?. Junge Akademie Magazin.

Levitt, S. D. (2016). Heads or tails: The impact of a coin toss on major life decisions and subsequent happiness. the National Bureau of Economic Research, Working Paper 22487.

Lotter, W. (2016). Zündstoff: Intuition und Vernunft sind keine Gegensätze. Sie ergänzen einander ideal. brand eins.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.