psychologie heute-blog.
über die persönlichkeit der politik.

13 Sep

foto_von_anna_lena_schiller

Foto von Anna Lena Schiller

Nicht nur Menschen unterscheiden sich in einer Fülle von Eigenschaften voneinander, sondern Parteien ebenso. Zumindest wenn man sie sprachlich analysiert. Einen Blick in die ‚Psyche‘ der Politik wagt dieser Blogtext anhand der Berliner Wahlprogramme, in denen überraschend wenig Blabla und umso mehr Parteispezifika stecken. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

***

„Ich könnte nie eine Partei wählen, die ein Plakat hat, auf dem der Kopf von einem Kind abgeschnitten ist“, stellt meine Tochter fest. Wir fahren durch Berlin und die Straßen sind mit Wahlkampfplakaten gesäumt. Ganz so makaber wie es klingt, ist es allerdings nicht: Der Spitzenkandidat der Berliner CDU möchte lediglich seine Nähe zur Familie mit einem Foto seines Sohnes unterstreichen, gleichzeitig aber anscheinend dessen Persönlichkeitsrechte schützen. Deshalb zeigt das Plakat den Körper des Jungen ohne Kopf. Nun ja, diese Unentschlossenheit irritiert.

Abgesehen von solchen Fauxpas‘ geben Wahlplakate eher wenig her. Links der Mitte wird mit Vielfalt und Zusammenhalt geworben, rechts der Mitte mit Sicherheit und Stabilität. Letztendlich dominiert aber das Bild. Es ist ein bisschen wie bei Tinder: Potentiell wichtige Entscheidungen sollen auf Basis eines bedingt aussagekräftigen Bildes gemacht werden. Vermutlich folgerichtig werben SPD und CDU in Berlin nun auch auf Tinder für Wählerherzen. Schade, dass sich nicht auch einige Straßenplakate per Wisch nach links aus dem Blickfeld sortieren lassen.

Einen besseren Einblick bieten da die Wahlprogramme. Und das BlaBlaMeter entlarvt auch gleich: So viel Blabla ist da gar nicht, aber natürlich gibt es individuelle Unterschiede. Grüne und Linke, dicht gefolgt von der SPD, haben einen sogenannten Bullshit-Index von etwa .30, das ist (fast) so gut wie ein hochwertiger journalistischer Text. Die Piraten sind dagegen weit abgeschlagen, noch hinter FDP und CDU. Allerdings ist der Hang zum leeren Gerede auch nur ein Aspekt der Persönlichkeit.

Einen tieferen Blick in – wenn man so möchte – die Psyche der Parteien bietet ein anderes Instrument der Psychologie: das Linguistic Inquiry and Word Count (kurz: LIWC). Über automatische Textanalysen kann es verschiedene Aspekte der Persönlichkeit aufdecken. James Pennebaker wies damit zum Beispiel auf Persönlichkeitsunterschiede zwischen Hillary Clinton und Donald Trump hin: Während Hillary Clinton optimistisch, abwägend und kooperativ sei, sei Donald Trump pessimistisch, selbstüberzeugt und machtmotiviert. Bei solchen Individualdiagnosen aus der Ferne ist jedoch Vorsicht geboten, wie die New York Times kürzlich richtig mahnte.

Die Analyse der Berliner Wahlprogramme ist dagegen unverfänglicher und zeigt eine bunte Mischung an Merkmalen: Die SPD gibt sich vor allem gemeinschaftlich, ist positiv, selbstsicher, mit Fokus auf der Vergangenheit. Auch die CDU strahlt viele positive Emotionen aus, gibt sich aber weniger selbstsicher und kommunikativ. Die Grünen zeigen sich vor allem rational und sozial, dafür wenig emotional. Im Gegensatz dazu stechen bei den Linken viele negative und wenig positive Emotionen hervor. Auch die AfD fällt durch wenig positive, dafür umso mehr negative Emotionen auf und sie setzt auch im Sprachstil eher auf Abgrenzung als Integration.

Natürlich ersetzen solche Persönlichkeitszuschreibungen keinen Wahl-O-Mat. Sie zeigen aber, dass sich nicht nur Menschen in einer Fülle von Eigenschaften voneinander unterscheiden, sondern Parteien ebenso. Zumindest wenn man sie sprachlich analysiert. Dass die Sprache in der Politik aber zentral ist, betont die Linguistin Elisabeth Wehling. Ihrer Aussage nach gibt es keinerlei lose Fakten, stattdessen ist jede (politische) Botschaft durch Deutungsrahmen verzerrt und damit manipulativ. Ebenso wie dieser Blogartikel übrigens, der immerhin einen akzeptablen Bullshit-Index von .26 hat und laut LIWC deutlich persönlicher und optimistischer ist als jedes der Wahlprogramme.

Zum Weiterlesen

Dönges, J. (2009). Du bist, was Du sprichst. Gehirn und Geist, 1-2, 24-28.

Pennebaker, J. W., & King, L. A. (1999). Linguistic styles: Language use as an individual difference. Journal of Personality and Social Psychology, 77, 1296-1312.

Wehling, E. (2016). Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Köln: Halem Verlag.

***

Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

psychologie heute-blog.
über große und größere sorgen.

18 Jul

Foto von vintagecat

Foto von vintagecat

Die eigenen Sorgen sind meist nicht die größten, merke ich wieder. Denn gegen einen Hirntumor oder den Psychiatrie-Alltag, ein totes Kind oder hunderte Bürgerkriegstote sind die eigenen Probleme meist ein Klacks. Nach der Amokfahrt in Nizza und dem Putschversuch in der Türkei – beides geschah nach Abgabe dieses Textes – sollte man vielleicht sogar von großen, größeren und noch größeren Sorgen sprechen. Aber werden davon die großen Sorgen kleiner?

Geht es Menschen schlecht, vergleichen sie sich häufig mit Personen denen es noch schlechter geht, das schützt nämlich das eigene subjektive Wohlbefinden vor dem Kollaps. Es ist jedoch ein schmaler Grat zwischen den Vorteilen und Nachteilen dieser sozialen Vergleiche. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

***

Die eigenen Sorgen sind meist nicht die größten, merke ich wieder. Kürzlich, an einem dieser warmen Berliner Sommerabende, sitze ich zur Belohnung nach einem fleißigen Schreibtag lesend bei einem Glas Weinschorle in der Böse Buben Bar. Es ist Freitag, überall Geplauder und Gelächter. Bei mir stattdessen ein Anflug des Gefühls großstädtischer Einsamkeit. Im Trubel um mich herum ist die Stimmung gelöst, ich dagegen vertiefe mich – allein – in den erschütternden Psychiatrie-Alltag in Rainald GoetzIrre.

Am Nebentisch treffen sich derweil drei alte Freundinnen wieder. Wie es scheint, nach langer Zeit. Ehemalige Kommilitoninnen vielleicht, thirtysomething. Natürlich lauscht man nicht, aber der Wind trägt die Worte ungefragt herüber: Eine der drei eröffnet, sie hätte eine Hirntumor-Diagnose erhalten. Bam. Die Freundinnen sind offensichtlich geschockt, sie sagen erst nichts, dann Belangloses, totale Überforderung. Was soll man auch sagen, denke ich. „Don’t cry – work“, lese ich bei Goetz. Und: „Nur die Arbeit hilft gegen das ganze schlimme Leben.“

Die eigenen Sorgen sind gegen Hirntumor und Psychiatrie-Alltag ein Klacks. Macht es das besser? Psychologische Studien zu sozialen Vergleichen nehmen das tatsächlich an. Besonders häufig vergleichen sich, laut einer Studie von Ladd Wheeler und Kunitate Miyake, Menschen mit engen Freunden und weitaus häufiger über sogenannte downward comparisons. Das heißt, wir vergleichen uns bevorzugt mit schlechter gestellten Menschen unseres näheren Umfelds. Und das ist durchaus funktional, denn in dieser Studie fühlten sich die Probanden anschließend besser. Upward comparisons dagegen haben den umgekehrten Effekt, sind also nicht empfehlenswert.

Ich finde das überraschend: Ist ein gesunder, glücklicher und erfolgreicher Freundeskreis tatsächlich ein Risikofaktor für das eigene Wohlbefinden? Bestätigung dafür findet sich auch in einer Studie von Karen VanderZee und Kollegen. Sie fanden bei Krebskranken ein erstaunlich hohes Wohlbefinden und konnten dies darauf zurückführen, dass mit steigender krankheitsbedingter Belastung auch die Häufigkeit von downward comparisons steigt, die wiederum das subjektive Wohlbefinden vor dem Kollaps schützen. Zum Glück findet sich also selbst unter Schwerstkranken immer noch jemand, dem es noch schlechter geht!?

Anders bei einer guten Freundin, die vor wenigen Jahren ihr lang ersehntes Wunschkind in der fortgeschrittenen Schwangerschaft verlor. Für sie ein einschneidender Schicksalsschlag, der ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen sollte. Ihr Vater meinte es damals vermutlich gut, als er sie an eine Bekannte der Familie erinnerte, die ein schwerstbehindertes Kind gebar, das nur zwei Jahre überlebte und rund um die Uhr von Pflegepersonal versorgt werden musste. Tröstend war das für die Freundin jedoch nicht, sondern weiteres Futter für die Hoffnungslosigkeit.

Oder bei Milo Rau: In Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs lässt er seine Hauptperson mit Blick auf das Foto des toten kleinen Jungen am Mittelmeer fragen, was denn ein einzelner Toter schon gegen all die Bürgerkriegstoten im Kongo sei. Der downward comparison als rhetorisches Ausweichmanöver, auch als Whataboutism bekannt, um von Missständen abzulenken, indem man anderes Elend ins Feld führt. Als würde die schreckliche Tragik über den sinnlosen Tod eines Kindes dadurch geschmälert, dass es woanders ebenso Leid gibt.

Es ist ganz offensichtlich ein schmaler Grat zwischen den Vorteilen und Nachteilen dieses sozialen Vergleichs: auf der einen Seite die Dankbarkeit, dass es einem selbst nicht so schlecht geht, wie es gehen könnte. Auf der anderen Seite das Gefühl, dass die eigenen ernstzunehmenden Probleme nicht als solche erkannt werden. Zurück zum Anfang: In den eben noch wohlig warmen Sommerabend ist mit der niederschmetternden Nachricht der unbekannten Tischnachbarin die Kälte eingezogen. No benefits from downward comparison here.

Zum Weiterlesen

Goetz, R. (1986). Irre. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

VanderZee, K. I., Buunk, B. P., DeRuiter, J. H., Tempelaar, R., VanSonderen, E., & Sanderman, R. (1996). Social comparison and the subjective well-being of cancer patients. Basic and Applied Social Psychology, 18, 453-468.

Wheeler, L., & Miyake, K. (1992). Social comparison in everyday life. Journal of Personality and Social Psychology, 62, 760-773.

***

Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

psychologie heute-blog.
über fragmentierte liebesleben.

23 Mai

Foto von Priscila Tonon Ramos

Foto von Priscila Tonon Ramos

Die Suche nach der großen Liebe gestaltet sich manchmal wie die vergebliche Suche nach der sogenannten eierlegenden Wollmilchsau. Statt zu resignieren hat meine Freundin Anna ihr Liebesleben perfektioniert indem sie es vor einiger Zeit fragmentierte. Unterschiedliche Bedürfnisse, die sich in einer klassischen Partnerschaft exklusiv an eine Person richten, werden in ihrem Leben auf drei Männer verteilt. Aber macht diese ‚Arbeitsteilung‘ im Liebesleben glücklich? [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

***

Meine Freundin Anna hat ihr Liebesleben perfektioniert, indem sie es vor einiger Zeit fragmentierte. Unterschiedliche Bedürfnisse, die sich in einer klassischen Partnerschaft exklusiv an eine Person richten, werden in ihrem Leben auf drei Männer verteilt: (1) Ihre vergangene große Liebe, mit der sie ein Kind großzieht, aber nicht mehr zusammenlebt, (2) eine Affäre mit einem vergebenen Mann, mit dem sich das Bett, aber nicht der Alltag teilen lässt und (3) einer potenziellen großen Liebe (wie sie es nennt) mit der sie eine tiefe, aber ausschließlich platonische Beziehung pflegt.

Organisatorisch und emotional klingt das für mich nach einer Herausforderung. Andererseits erscheint es durchaus konsequent die vergebliche Suche nach der sogenannten eierlegenden Wollmilchsau zu lösen, in dem man sich – dieser Analogie folgend – einen Bauernhof zulegt. Den Männern gegenüber hat meine Freundin Anna keinerlei Verpflichtungen und bekommt von jedem das Beste. Aber macht diese ‚Arbeitsteilung‘ im Liebesleben glücklich? Aus psychologischer Sicht spricht zumindest einiges dafür, denn Diversität wirkt sich in vielen Lebensbereichen positiv auf das Wohlbefinden aus.

Nehmen wir zum Beispiel sogenannte Emotionships. So werden soziale Beziehungen genannt, die unterschiedliche Bedürfnisse bei der Emotionsregulation erfüllen. Der Partner eignet sich vielleicht hervorragend dazu, die eigene Ängstlichkeit zu mindern, während sich die beste Freundin eher dadurch auszeichnet, dass sie in traurigen Augenblicken aufheitern kann. Elaine Cheung und Kollegen fanden heraus, dass die Personen am glücklichsten sind, die möglichst viele Emotionships haben. Das Wohlbefinden ist also dann am höchsten, wenn eine Person, je nach Stimmungslage, auf unterschiedliche soziale Beziehungen zugreifen kann.

Auch fühlen sich Menschen besonders dann unterstützt, wenn sie sich einer großen Anzahl unterstützender Personen sicher sind, selbst wenn die individuelle Unterstützung sehr klein ist. Anstatt also alle Emotionen und Sorgen bei einer einzigen Person abzuladen, empfiehlt es sicher eher, ein möglichst diverses Netz an sozialen Kontakten aufzubauen, die alle einen kleinen spezialisierten Teil übernehmen. Sheldon Cohen und Denise Janicki-Deverts berichten sogar, dass Personen mit diverseren sozialen Netzwerken länger leben, widerstandsfähiger gegenüber Krankheiten sind und sich von schweren Krankheiten besser erholen.

Aber zurück zur Liebe: Die Polyamorie wird weiter an Bedeutung gewinnen, erwartet Milosz Matuschek. In Zeiten der ‚Sharing Economy‚ wird eben nicht nur die Wohnung per Airbnb und das Auto per DriveNow geteilt, sondern auch der Lebensgefährte. Die romantische Dyade sei ja ohnehin nur eine Anhäufung unhaltbarer Versprechungen. Und wer weiß, vielleicht werden unsere Kinder später ebenso ungläubig den Kopf über das Verbot der Vielehe schütteln wie wir heutzutage über die erschreckend lange Verfolgung Homosexueller? Schließlich sei, so Matuschek, doch ohnehin alles seltsam, bevor es normal wird.

Was das Wohlbefinden betrifft, so zeigt sich dieses im Allgemeinen unbeeindruckt von der Monogamie und (einvernehmlichen) Polygamie. Denn ob eine Person monogam, polyamorös oder in einer offenen Beziehung lebt, wirkt sich laut Alicia Rubel und Anthony Bogaert nicht auf ihr Wohlbefinden aus. Meine Freundin Anna erhofft sich dagegen noch Luft nach oben und sieht ihr fragmentiertes Liebesleben als Übergangszustand beim Warten auf den exklusiv geliebten Traumprinzen.

Zum Weiterlesen

Cheung, E. O., Gardner, W. L., & Anderson, J. F. (2015). Emotionships: Examining people’s emotion-regulation relationships and their consequences for well-being. Social Psychological and Personality Science, 6, 407-414.

Cohen, S., & Janicki-Deverts, D. (2009). Can we improve our physical health by altering our social networks?. Perspectives on Psychological Science, 4, 375-378.

Rubel, A. N., & Bogaert, A. F. (2015). Consensual nonmonogamy: Psychological well-being and relationship quality correlates. Journal of Sex Research, 52, 961-982.

***

Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

psychologie heute-blog.
über alterspanik.

28 Mrz

Foto von Amanda Tipton

Foto von Amanda Tipton

Seit über zwei Jahren bin ich ‚fast 30‘. In wenigen Wochen muss ich das ‚fast’ daraus streichen. Obwohl längst im Erwachsenenleben gelandet, stellt dieser Übergang vom jungen ins mittlere Erwachsenenalter eine emotionale Herausforderung dar. Ein Grund dafür: Der 30. Geburtstag ist ein ’temporal landmark‘, ein zeitlicher Orientierungspunkt, ab dem man angekommen ist und alles so bleibt wie es ist — ein Trugschluss, Segen oder bittere Wahrheit? [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

***

Mein 30. Geburtstag ist zum Greifen nahe. In wenigen Wochen wird der Tag kommen, dem ich seit über zwei Jahren ängstlich entgegen blicke. Genau genommen habe ich mich nie wie 28 oder 29 gefühlt, sondern immer nur wie „fast 30“. Ben, ein guter Freund, findet das überzogen und meint: „Du wirst sehen, 30 werden ist voll easy.“ Er sieht sich damit im wissenden Recht des Älteren, schließlich hat er im vergangenen Jahr sogar die 40 geschafft. Ein Einzelfall ist meine Alterspanik jedoch nicht, stattdessen geht es zahlreichen Twens ähnlich.

„Ich dachte, der 30. stellt ne Hürde dar, solange man es noch nicht ins Erwachsenenleben geschafft hat“, meint Jonathan, auch er ein befreundeter Überdreißiger. Dabei bin ich da längst: Ausbildung beendet, Traumberuf gefunden, Kinder bekommen. Mein soziales Alter hat die Hürde des 30. damit geschafft, das chronologische Alter hinkt also hinterher. Warum dann also dieses Unwohlsein? Ein Resultat des medial promoteten Jugendwahns?

Zumindest ist ein Geburtstag, noch dazu ein Runder, ein temporal landmark, ein zeitlicher Orientierungspunkt. Johanna Peetz und Anne Wilson fanden heraus, dass wir solche temporal landmarksnutzen, um Erinnerungen und Ziele zu strukturieren. Auch wenn sich durch die temporal landmark nichts Nennenswertes ändert – wir werden in der Nacht zum Geburtstag nicht plötzlich zu einem anderen Menschen – empfinden Menschen einen Gegensatz zwischen dem Selbst davor und dem Selbst danach. Peetz und Wilson argumentieren, dass das durchaus positiv sei, da es Menschen zu zielorientiertem Handeln motiviert.

Der 30. Geburtstag ist ein Sonderfall, zumindest aus der Perspektive der Entwicklungsaufgaben: Das junge Erwachsenenalter steht im Zeichen der Herstellung von sozialen Rollen (establishing). Es wird sich für Lebenswege entschieden: eine Familie gegründet, ein Beruf gewählt. Im mittleren Erwachsenenalter geht es dann vor allem um das Beibehalten dieser Rollen (maintaining). Und im hohen Alter steht das Anpassen an Verluste im Vordergrund (adjusting). Glücklicherweise ist das Leben heutzutage selten so gradlinig, und verschnörkelte Lebenswege sind weitgehend anerkannt. Dennoch ist der Übergang vom jungen ins mittlere Erwachsenenalter eine Zeit zum Bilanz ziehen.

Kein Problem, wenn die Bilanz positiv ausfällt. Dann übernimmt sorglos die End of History-Illusion: das Gefühl, man habe sich zwar bisher verändert, hätte mittlerweile aber seinen Endzustand erreicht. Bei mir ist es zu früh für Endzeitstimmung, ich möchte keinesfalls im Jetzt stehenbleiben. Noch mal studieren, zumindest ein Seminar zu Max Frisch belegen. Eine Sprache lernen, Französisch oder Schwedisch, vielleicht beides. Und endlich Klavier. Vielleicht irgendwann auch noch mal alles ganz anders machen. „Mach doch ein Seniorenstudium“, schlägt Simone allen Ernstes kürzlich vor, als wir beim Wein im Barkett zusammensitzen.

Im Gespräch mit der FAZ kommt der achtjährige Jan zu dem Schluss, man solle sich die Zukunft in der Fantasie denken, nicht so, wie sie jetzt ist. Recht hat er. Und man sollte es wie der kürzlich verstorbene Roger Willemsen halten, der meinte: Wenn wir das Leben schon nicht verlängern können, können wir es doch verdichten. Das werde ich tun: Mit dem Auspusten der Geburtstagskuchenkerzen ein noch verdichteteres Leben einläuten. Fantasie dafür ist da, also keine End of History-Illusion für mich. Ich bin bereit, die 30 kann kommen.

Zum Weiterlesen

Hutteman, R. Hennecke, M., Orth, U., Reitz, A. K., & Specht, J. (2014). Developmental tasks as a framework to study personality development in adulthood and old age. European Journal of Personality, 28, 267-278.

Mayer, S. (2016). Die Kunst, stilvoll älter zu werden: Erfahrungen aus der Vintage-Zone. Berlin: Berlin Verlag.

Peetz, J., & Wilson, A. E. (2013). The post-birthday world: Consequences of temporal landmarks for temporal self-appraisal and motivation. Journal of Personality and Social Psychology, 104, 249-266.

Quoidbach, J., Gilbert, D. T., & Wilson, T. D. (2013). The end of history illusion. Science, 339, 96-98.

***

Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

psychologie heute-blog.
über bedingungslosigkeit.

2 Feb

Foto von Mariano García-Gaspar

Foto von Mariano García-Gaspar

Bedingungslos zu geben wird oftmals als problematisch empfunden. Bedingungslos zu nehmen scheint jedoch ebenso diffizil. Und wo gibt es sie überhaupt noch, die reine Bedingungslosigkeit, wo das Geben und Nehmen nicht kontinuierlich abgewogen wird? Selbst in der Liebe und beim Recht auf Leben und Unversehrtheit scheint sie nicht immer zu gelten, dabei sind Menschen doch die champions of cooperation. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

***

Bedingungslos zu geben wird oftmals als problematisch empfunden. Bedingungslos zu nehmen scheint jedoch ebenso diffizil. Das berichtet zumindest Daniel Häni, ein Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens. Beim Salon Sophie Charlotte erzählte er kürzlich, wie er einem guten Freund Geld gab, ohne Gegenleistung, einfach so, bedingungslos. Vielleicht wollte er mal vortesten, wie das eigentlich wäre mit einem bedingungslosen Grundeinkommen. Der Freund, obwohl ein enger, sträubt sich. Auch der nächste hadert, nimmt es dann an, um es seinen Kindern zu geben, lässt es schlussendlich aber doch zurück. Die beiden Freunde, sie tun sich ganz offensichtlich schwer mit der Bedingungslosigkeit.

Menschen unterscheiden sich anscheinend darin, wie gut sie mit Bedingungslosigkeit umgehen können. Tim, der mit mir den Anekdoten Daniel Hänis lauscht, raunt mir zumindest zu: ‚Mir fällt das leicht, ich kann ganz wunderbar bedingungslos annehmen.‘ Er schmunzelt dazu. ‚Und ich?‘, frage ich mich. Mir fallen spontan gute Beispiele dafür und ebenso gute Beispiele dagegen ein. Aber vielleicht liegt es auch gar nicht an der einzelnen Person, sondern vielmehr an der Beziehung zwischen Gebendem und Nehmenden?

Bedingungslosigkeit fällt dann schwer, wenn sie gegen Regeln verstößt, die mehr oder weniger implizit die Beziehung der Beteiligten strukturieren. Unter Peers ist, laut Alan Fiske, das sogenannte ‚Equality Matching‘ verbreitet: Es wird so viel gegeben wie genommen. Kommt es zum Ungleichgewicht zwischen beidem, fühlt sich der Nehmende zu einer Gegenleistung verpflichtet. Bis das Ungleichgewicht ausgeglichen ist, bleibt ein ungutes Gefühl bestehen, eben jenes, das Häni bei seinen Freunden beobachtete. Aus dieser Perspektive betrachtet ist es also keineswegs verwunderlich, dass Freunde dazu neigen, ein Ungleichgewicht zu vermeiden.

Welche Beziehungen ertragen ein Ungleichgewicht?

Ein Ungleichgewicht ist dagegen, so schreibt es Fiske, beim ‚Authority Ranking‘ akzeptiert. Da gibt der Statushöhere, zum Beispiel ein Elternteil, dem Statusniedrigeren, in diesem Fall seinem Kind, mehr als er von ihm bekommt. Von Bedingungslosigkeit kann jedoch auch hier keine Rede sein, schließlich werden Macht und Privilegien auf der einen Seite gegen Schutz und Fürsorge auf der anderen Seite getauscht.

Aber wo gibt es sie noch, die reine Bedingungslosigkeit, die Fiske ‚Communal Sharing‘ nennt? Selbst für die Liebe und das Leben scheint sie nicht immer zu gelten. Zieht in einer Liebesbeziehung das Gefühl eines andauernden Ungleichgewichts ein, sieht man sich mit dem Risiko einer Trennung konfrontiert. Späte Schwangerschaftsabbrüche als Reaktion auf eine schwere Erkrankung des Nachwuchses sind längst keine Seltenheit mehr. Unlängst erhielten Diskussionen über den Höchstpreis lebensverlängernder Medikamenteneuen Aufwind. Und auch Schutz für Menschen, die vor lebensbedrohlichen Zuständen fliehen, wird vielerorts an Bedingungen geknüpft.

Bedingungslose Liebe, bedingungsloses Recht auf Leben und Unversehrtheit gibt es für manche, nicht für alle. Für Fiske mag das nachvollziehbar sein, unsere Beziehungen zueinander beruhen schließlich nicht alle auf einem ‚Communal Sharing‘. Und ganz sicher sollte man über potenziell notwendige, wichtige oder gesellschaftlich akzeptierte Bedingungen diskutieren. Vielleicht kommen wir bei diesen Diskussionen zu dem Schluss, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen zu sozial oder, im Gegenteil, zu unsozial ist. Unabhängig davon erscheint es mir jedoch wünschenswert, uns mehr in Bedingungslosigkeit zu üben, beim Geben wie auch beim Nehmen, schließlich sind Menschen doch die ‚champions of cooperation‘.

Zum Weiterlesen

Fiske, A. P. (1992). The four elementary forms of sociality: Framework for a unified theory of social relations. Psychological Review, 99, 689-723.

Nowak, M. A. (2006). Five rules for the evolution of cooperation. Science, 314, 1560-1563.

***

Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

psychologie heute-blog.
über funktionale angst.

8 Dez

Foto von Aitor Aguirregabiria

Foto von Aitor Aguirregabiria

Die Angst grassiert. Selten hat sich ein Gefühl der Angst so schnell und weit verbreitet wie nach den jüngsten Anschlägen in Paris. Zur gleichen Zeit wird die Angst, die sich mit Wucht in den Alltag der Menschen gedrängt hat, einhellig als zu bekämpfendes Übel angesehen. Aber ist diese Angst wirklich unangepasst? [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

***

Die Angst grassiert. Selten hat sich ein Gefühl der Angst so schnell und weit verbreitet wie nach den jüngsten Anschlägen in Paris. Der Tagesspiegel titelt schon wenige Stunden nach den Attentaten ‚Paris in Angst‘ und liefert dazu eine besorgniserregende Chronik des Grauens. Auch eine Woche danach bleibt Paris für die Süddeutsche Zeitung die ‚Stadt der Angst‘ und es wird kein schnelles Ende dieses Zustands prophezeit. Ebenso erkennt die FAZ eine tiefsitzende ‚Angst in der Stadt der Liebe‘, ersichtlich an den leergefegten Straßen, Plätzen und anderen öffentlichen Orten.

Zur gleichen Zeit wird die Angst, die sich mit Wucht in den Alltag der Menschen gedrängt hat, einhellig als zu bekämpfendes Übel angesehen. Das Weiße Haus twittert sogar, die mächtigste Maßnahme sei nun, zu zeigen, dass man keine Angst habe. Auch in Deutschland wird eine Abkehr von der Angst propagiert. Die tazruft dazu auf, um die Freiheit im öffentlichen Raum zu erhalten und auch der Stern argumentiert, Angst sei die falsche Antwort auf die Anschläge. Während in der Zeit hoffnungsvoll stimmende Anekdoten darauf hindeuten, wir hätten keine Angst, überführt die Welt dann doch die Lüge in ‚même pas peur‘.

Die kollektive Angst scheint dysfunktional, zumindest suggeriert das die klaffende Lücke zwischen dem vorherrschenden und dem anscheinend allseits empfohlenen Gemütszustand. Aber ist diese Angst wirklich unangepasst? Aus psychologischer Sicht scheint es sich nicht um eine akute Angst zu handeln, für eine Emotion dauert sie schlichtweg zu lang an. Es scheint sich auch um keine pathologische Form der Angst zu handeln, da schon allein ihre Verbreitung gegen ein normabweichendes Einzelphänomen spricht. Vielmehr scheint es zu einer kollektiven Verstärkung der Ängstlichkeit, einer Facette des Neurotizimus, gekommen zu sein.

Diese Ängstlichkeit ist damit ein Aspekt der Persönlichkeit. Sie beschreibt, wie stark eine Person zu angstbezogenen Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen neigt. Charlotte Roche beschrieb das eindrücklich mit den Worten: ‚Ich denke einfach, ich muss gewappnet sein für das Schlimmste, was passieren kann.‘ Selbst wenn alles gut scheint, denke sie ‚ja, schon gut, aber wir wollen uns nicht zu sehr entspannen, weil nachher kommt das Schicksal‘. Ängstliche Menschen sind erst dann beruhigt, wenn sie neben einem Plan A und B, zumindest noch einen Plan C in der Hinterhand haben.

Selbst eine hohe Ängstlichkeit kann gesund und angepasst sein. Aber natürlich provoziert sie unangenehme Gefühle, geht mit vielen Sorgen und geringem Wohlbefinden einher. Reicht das, um eine geringere Ängstlichkeit zu empfehlen? Um damit den Erfolg der Attentäter zu schmälern? Um damit den Erfolg der Attentäter zu schmälern? Oder Überreaktionen zu verhindern, zu denen dann auch irrationale politische Reaktionen zählen dürften, wie die Ausweitung der Überwachung? Zum Glück spielt uns dabei zumindest langfristig die Zeit in die Hände: Mit dem Alter mindert sich nämlich im Allgemeinen der Neurotizismus und darüber hinaus erwartet Borwin Bandelow, Präsident der Gesellschaft für Angstforschung, dass sich der Mensch mit der Zeit auch an die Terrorangst gewöhnen wird.

Die Angst ist da, das lässt sich kaum leugnen, auch wenn man es sich vielerorts anders erhofft. Gleichzeitig scheint es aber keine pathologische, sondern eine vorübergehende Angst zu sein, die durchaus funktional sein kann. Negative Ereignisse kommen selten allein, sondern treten leider meist gehäuft auf. Der Mensch passt sich daran an, in dem er sich in eine Habachtstellung begibt. Diese gesteigerte Ängstlichkeit hat sich in empirischen Studien bereits als funktional erwiesen, weil sie uns dazu drängt, für uns Sorge zu tragen. Wir sollten diese Form der vorübergehenden Ängstlichkeit deshalb zulassen.

Zum Weiterlesen

Headey, B., & Wearing, A. (1989). Personality, life events, and subjective well-being: Toward a dynamic equilibrium model. Journal of Personality and Social Psychology, 57, 731-739.

Roberts, B. W., Smith, J., Jackson, J. J., & Edmonds, G. (2009). Compensatory conscientiousness and health in older couples. Psychological Science, 20, 553-559.

***

Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

psychologie heute-blog.
über nostalgie und vorfreude.

13 Okt

Illustration_by_Charis_Tsevis

Illustration von Charis Tsevis

Früher elektrisierte die Vorfreude und motivierte zum emsigen Schaffen, heute rückt immer häufiger die melancholische Nostalgie an ihren Platz. Ist das ein Alterseffekt, der dazu verleitet den mittlerweile verpassten Gelegenheiten nachzutrauern? Oder sind wir lediglich Teil einer Generation Vintage, die sich in die vermeintlich bessere Vergangenheit zurückwünscht? Der Melancholie zum Trotz kann die Nostalgie ein positives Selbstbild und soziale Verbundenheit vermitteln, zumindest sofern wir unsere Vergangenheit nicht als unwiederbringlich verloren ansehen, sondern uns mit ihr für die Zukunft wappnen. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

***

Früher habe ich davon geträumt, einmal in Italien zu leben. Ich wollte unbedingt einen Italiener heiraten und in einem abgeschiedenen Haus an einem Weinberg leben. Da säße ich dann tagsüber draußen an einem Holztisch mit Blick in die Ferne und schriebe Romane, während meine zahlreichen Kinder zwischen den Rebstöcken herumtollten. Es wäre jeden Tag Sommer und ich würde samstags mit einer roten Vespa am Wein entlang zum Gemüsemarkt fahren. Damals war ich so eingenommen von dieser kitschigen Idee, dass ich in emsiger Vorfreude damit begann, Italienischvokabeln zu lernen.

Es kam dann doch alles ganz anders und ich lebe heute eine andere Version meines Lebens. Nicht ganz so rosarot vielleicht, aber anders schön. Und aus der elektrisierenden Vorfreude ist Nostalgie geworden. Dabei war die Vorfreude damals noch ein zentraler Motor: Die Aussicht auf Geburtstagsfeste oder die heimelige Vorweihnachtszeit, später dann vor allem auf das nächste Wochenende (das Mantra I have Friday on my mind zog sich durch die gesamte Woche) oder der Schul- und Studienabschluss, dem man in freudiger Erwartung auf das „Danach“ entgegenfieberte.

Statt der rosigen Zukunft entgegen zu eifern, übe ich mich jetzt vermehrt in Nostalgie und hänge Lebenswegen nach, die ich nicht gegangen bin. Ist das ein Alterseffekt, der am Ende des jungen Erwachsenenalters dazu führt, verpassten Gelegenheiten nachzuhängen? Oder bin ich Teil einer Generation Vintage, die sich in Reaktion auf die unendlichen Möglichkeiten der heutigen Zeit an die vorgeblich einfachere, sicherere, bessere Vergangenheit zurückbesinnt? Zumindest ist die Nostalgie, das mental time traveling, eine Eigenart des Menschen, die früher noch als pathologisch abgetan wurde, heutzutage aber deutlich wohlwollender bewertet wird.

Die Nostalgie leitet sich aus dem griechischen nostos (Rückkehr) und algos (Schmerz) ab, dem Heimweh. Später wurde sie als Krankheit, die mit Traurigkeit, unregelmäßigem Herzschlag und Appetitlosigkeit einherging, und als psychische Störung angesehen, die dazu Angst und Schlaflosigkeit beinhaltet. Vertreter psychodynamischer Ansätze interpretierten sie wiederum als unterdrückte Zwangserkrankung, einem unbewussten Bedürfnis nach Rückkehr zu einem früheren Lebensabschnitt oder eine Form der Depression. Heute wissen wir: Nostalgie entsteht zwar häufig in Reaktion auf Niedergeschlagenheit oder Einsamkeit, mindert beides aber, indem sie ein positives Selbstbild und soziale Verbundenheit vermittelt.

Der sentimentale Blick in die Vergangenheit ist also bittersüß, wobei die positiven gegenüber den negativen Emotionen überwiegen. Zum Glück, schließlich erleben mehr als 80 Prozent der Menschen wöchentlich Nostalgie. Ausschlaggebend ist in diesem Zusammenhang die sogenannte identity continuity: Fühlen wir eine enge Verbindung zu der Person, die wir damals waren, dann erleichtert uns die Nostalgie den Umgang mit neuen Herausforderungen. Haben wir dagegen das Gefühl, dass wir momentan weit weniger Möglichkeiten haben als die Person, die wir damals waren, dann ist die Nostalgie eine schmerzliche Erinnerung an das unwiederbringlich Verlorene.

Mit diesem Wissen lässt sich die Nostalgie als Motor nutzen statt dabei in Melancholie zu verfallen: Am letzten Wochenende backte ich mit meinen Kindern Herbstplätzchen: In nostalgischer Erinnerung an meine eigene Kindheit und in vorfreudiger Aussicht auf das nächste Weihnachtsfest. Und meinen Kindheitstraum erfülle ich mir zumindest insofern, als dass ich jetzt meinen Motorradführerschein mache, um spätestens im nächsten Frühling mit einer roten Vespa durch Berlin zu düsen. Die Vorfreude ist entzückt und wer weiß, vielleicht verschlägt es mich ja doch noch irgendwann in die italienischen Weinberge.

Zum Weiterlesen

Cheung, W.-Y., Wildschut, T., Sedikides, C., Hepper, E. G., Arndt, J., & Vingerhoets, A. J. J. M. (2013). Back to the future: Nostalgia increases optimism. Personality and Social Psychology Bulletin, 39, 1484-1496.

Iyer, A., & Jetten, J. (2011). What’s left behind: Identity continuity moderates the effect of nostalgia on well-being and life choices. Journal of Personality and Social Psychology, 101, 94-108.

Sedikides, C., Wildschut, T., Arndt, J., & Routledge, C. (2008). Nostalgia: Past, present, and future. Current Directions in Psychological Science, 17, 304-307.

***

Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

psychologie heute-blog.
über die vorzüge des offline-datings.

25 Aug

Foto von Niklas Wolter // www.niklaswolter.de

Foto von Niklas Wolter

Online-Dating floriert, selbst unter jungen, attraktiven und geselligen Partnersuchenden in Berlin, der Hauptstadt der Singles. Man fragt sich: Was bietet das Online-Dating, das Offline-Dating nicht bieten kann? Nicht viel, so scheint es, zumindest aber erfüllt es das Bedürfnis, bei der Partnerwahl unterstützt zu werden. Dabei sprechen einige Gründe dafür, sich – wenn überhaupt – dann doch besser von den Freunden verkuppeln zu lassen. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

***

Meine Freundin Simone ist eine der zahlreichen Berliner Singles und begeisterte Online-Daterin. Mir ist das schleierhaft, weil sie viel unter Leuten ist, in der Single-Hauptstadt also zwangsläufig häufig auf Singles trifft und dabei immer wieder interessierte Blicke auf sich zieht. Wieso dann also noch Online-Dating? Simone dagegen fühlt sich bestätigt vom geheimen Matching-Algorithmus, schließlich werden ihr online immer mal wieder Männer vorgeschlagen, die ihr schon offline aufgefallen sind. Oder andersherum, denen sie schon offline aufgefallen ist. Wie kürzlich bei Stefan.

Vor einigen Wochen nahmen wir gemeinsam am Marsch der Entschlossenen teil, der jüngsten Aktion des Zentrums für politische Schönheit, das auf die aktuelle Flüchtlingsproblematik aufmerksam machte. Wie sich später herausstellte, war Stefan auch da, dessen Blicke Simone auf sich zog und der in ihr eine OkCupid-Nutzerin wiedererkannte. So war die Kontaktaufnahme im Nachhinein einfach, das erste Treffen bald arrangiert und beide flugs auf dem Weg zur Wolke sieben. Und Simone fühlt sich mal wieder bestätigt über die wunderbaren Überraschungen, die dieses Dating-Portal mit sich bringt.

Dabei spricht dieses Erlebnis vielmehr gegen das Online-Dating. Denn der Grund, warum Stefan zwar Simones OkCupid-Profil kannte, sie aber nicht bereits vor dem Marsch kontaktierte, war die mangelnde Übereinstimmung ihrer vom Portal berechneten Passung. Das Online-Dating wirkte, zumindest anfangs, also als Verkupplungs-Verhinderer. Ganz stimmt das natürlich nicht, da die Kontaktaufnahme schlussendlich über das Online-Portal verlief. Ein bisschen Mut, den anderen in persona anzusprechen, wäre ohne Online-Hilfe also notwendig gewesen. Und auf einem Trauermarsch mag das unpassend erscheinen, schließlich flirtet man auch nicht auf einer Beerdigung.

Warum aber melden sich so viele Singles bei Online-Dating-Portalen an, wenn man sich, wie im Fall von Simone, wahrscheinlich ohnehin irgendwann offline über den Weg laufen wird? Schließlich bietet die Offline-Welt eine hervorragende Möglichkeit der Vorselektion. Schließt sich jemand dem friedlichen, aber entschlossenen zivilen Ungehorsam an, wie Simone und Stefan, dann ist das schon mal eine vielversprechende Gemeinsamkeit, auf der sich aufbauen lässt. Ähnliches dachte sich vermutlich auch der Teilnehmer meines Lieblingsfestivals, dem Immergut, der deshalb vor Ort auf Analog-Tinder setzte. Kann das Online-Dating darüber hinaus wertvolle Zusatzinformation bieten?

Zumindest erfüllt es das Bedürfnis, bei der Partnerwahl unterstützt zu werden. Wenn man schon selbst nicht weiß, mit wem man glücklich wird, vielleicht weiß es dann ein Matching-Algorithmus. Oder die Mutter. Wie im Fall des Romanhelden Mordechai Wolkenbruch, einem jungen, orthodoxen Juden, dessen Mutter ihn durch eine tour de schidech schickt, zu einer überambitionierte Heiratsvermittlerin, die ihn jedoch aufgrund der Flut unpassender Partnerinnenvorschläge zur Verzweiflung bringt. Fehlt die überambitionierte Mutter, dann kann ein Verkupplungs-Coach weiterhelfen, zum Beispiel Amy Andersen, die verspricht, nerdige Singles im Silicon Valley unter die Haube zu bringen.

Wenn schon verkuppelt werden, dann doch lieber von Freunden in der Offline-Welt. Als wir kürzlich zum Beispiel den 40. Geburtstag von Ben, einem guten Freund, feierten, wurde jeder Gast um einen Sampler mit den persönlichen Hits der letzten 40 Jahre gebeten. Ein hervorragender Blick in die Psyche der Eingeladenen. Als die Sonne bereits hinter dem Fernsehturm aufging, kam deshalb die Idee auf, die Sampler-Übereinstimmung als Matching-Algorithmus zu nutzen. Sicherlich eine vielversprechende Informationsquelle, hätten wir uns bis dahin nicht sowieso alle schon so gut kennengelernt.

Oder man lässt sich beim Running Dinner, das ein Freund ab und an organisiert, verkuppeln. Mitmachen dürfen dort ausschließlich Freunde des Organisationsteams, die dann mit viel Mühe und Hingabe Pärchen bilden. Die Idee: Vorspeise, Hauptgang und Dessert werden von unterschiedlichen Pärchen kreiert, die dafür jeweils zwei andere Paare in die Wohnung einer kochenden Pärchen-Hälfte einladen. Es wird also viel gegessen und die Kalorien anschließend bei hastigen Wohnungswechseln wieder abgerannt. Vor allem aber bietet sich die Gelegenheit, ausgiebig den Kochpartner kennenzulernen, den zumindest die Freunde für eine gute Partie halten.

Zum Weiterlesen

Meyer, T. (2012). Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse. Zürich: Salis Verlag.

Rudder, C. (2014). Dataclysm: Who we are when we think no one’s looking. London: Fourth Estate.

***

Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden Dienstag schreibt darin einer von sechs Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

psychologie heute-blog.
über den mangel an (echten) prioritäten.

21 Jul

Foto von Nadia J. Mahfix

Foto von Nadia J. Mahfix

Ein Text über die absurden Entscheidungen, die man so oft trifft. Wenn der gute Freund im Krankenhaus, der Großvater im Sterben oder die Beziehung in Scherben liegt. Alles aus einem Gefühl alternativloser Verpflichtung heraus und kein Homo oeconomicus in Sicht, der alternative Verhaltensweisen überlegt abwägt. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

***

Wir laufen den Highway entlang, so schnell es eben geht. Wobei schnell in diesem Fall übertrieben ist. Es sind über 30 Grad im Schatten und mein guter Freund James und ich irren orientierungslos zum nahegelegenen Krankenhaus. Sein Herz scheint zu stolpern. Das hält den freundlichen Muskelmann am Eingang der Notaufnahme allerdings nicht davon ab, uns erst einmal in Ruhe nach Waffen zu durchsuchen, schließlich sind wir hier in einer der gefährlichsten Städte der USA. Absurd.

Wenig später liegt James zwischen zahlreichen Kabeln an piependen Maschinen, die jeden Schluckauf seines Herzens notieren und mit Warnmeldungen markieren. So schnell kann’s gehen: Eben noch plauderte man fröhlich auf der Konferenz, jetzt wird eine Herz-OP geplant. Zum vierten Mal werde ich vom Klinikpersonal gefragt, ob es mir gut gehe, ich sähe nicht so aus, aber das wird schon wieder. Als mentale Unterstützung versage ich jedes Mal im Krankenhaus, aber zumindest mache ich Fotos von den Warnmeldungen und schicke sie James‘ Vater, einem Chirurgen.

Dann naht der Abschied, mein Flieger startet sonst ohne mich. Keine Zeit mehr, das Handyaufladekabel aus dem Hotel zu holen. Keine Zeit, die letzten Testergebnisse abzuwarten. Stattdessen sitze ich wenig später im Flugzeug Richtung Berlin. Und frage mich, was ich hier eigentlich mache, warum ich nicht im Krankenhaus geblieben bin, male mir aus, was gerade alles schiefgehen kann. Es macht es nicht besser, dass James während meiner Zwischenstopps nicht zu erreichen ist. Wie auch, das Handy ist schließlich leer und er liegt verkabelt in der Notaufnahme.

Im Nachhinein frage ich mich, warum sich die Verpflichtung, den Flug zu erreichen, so alternativlos anfühlte, warum man in einer aufwühlenden Situation so merkwürdige Prioritäten setzt. Ähnlich bei Martin, einem Freund, dessen Großvater kürzlich im Sterben lag und der vom Sterbebett abreiste, um am Montag pünktlich bei der Arbeit zu sein. Wahrscheinlich hat das seinen Opa nicht gestört, weil er bereits nicht mehr bei Bewusstsein war. Dennoch erstaunt es, welchen Verpflichtungen wir uns unterwerfen, welche Prioritäten wir setzen.

Ein Exfreund warf mir (berechtigterweise) einmal vor, dass es eine Zumutung für eine Beziehung sei, wenn man einen Termin vereinbaren müsse, um mal ein dreiminütiges Gespräch miteinander zu führen. Es sei beruflich einfach zu viel los, mag mal irgendwie wahr gewesen sein, klingt bei diesem Vorwurf aber mehr als lahm. Und das Problem wiederholt sich. Vor wenigen Tagen schrieb ein guter Freund resigniert: „Im Moment erlauben es unsere Leben vielleicht nicht, dass wir uns häufiger sehen.“ „#waserlaubtschondasleben“, schreibe ich zurück.

Meist kommt man im Alltagstrubel ja kaum dazu, vorsorglich Prioritäten abzuwägen. Ben, ein befreundeter Ökonom, ist der Überzeugung, unser Verhalten sei allein von unserer Antizipation abhängig. Homo oeconomicus at its best. Das psychologische Äquivalent dazu sind Erwartung-mal-Wert-Modelle: Unser Verhalten bestimmt sich danach aus der Bewertung der erwarteten Konsequenzen ebendiesen (und jeden alternativen) Verhaltens. Nur: Selten stehen alle Verhaltensoptionen klar nebeneinander, ebenso wenig wie deren Konsequenzen und Zeit für überlegtes Abwägen ist sowieso nicht. Stattdessen entscheidet das Bauchgefühl, das oftmals überfordert ist und sich dann scheinbar alternativlosen Verpflichtungen ergibt.

Man sollte seine Prioritäten neu sortieren. Um der Intuition eine Richtschnur zu geben, wenn man wieder zwischen zwei schlechten Alternativen entscheiden muss. Oder wenn man wieder etwas Gutes ziehen lassen muss, um etwas anderes Gutes nicht zu verpassen. Es ist ein bisschen wie bei Jankel, der seiner Ziehtochter Brod trotz Geldmangels Bücher kauft, woraufhin sie protestiert und er entgegnet: „Aber wir können uns auch nicht leisten, sie nicht zu haben. Was können wir uns weniger leisten: sie zu haben oder sie nicht zu haben? Meines Erachtens verlieren wir auf jeden Fall. Wenn es nach mir geht, verlieren wir und haben dafür wenigstens die Bücher.“ So ist es auch mit der Zeit: Man hat immer viel zu wenig davon, aber dann sollte man doch lieber keine Zeit haben und sie mit seinen Liebsten verbringen.

Zum Weiterlesen

Brandstätter, V. (2000). Motivation. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.

Foer, J. S. (2003). Alles ist erleuchtet. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch.

***

Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden Dienstag schreibt darin einer von sechs Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

psychologie heute-blog.
über das überschätzen psychologischer ratschläge.

16 Jun

Foto von Jen Collins

Foto von Jen Collins

Meist können wissenschaftliche Studien Auskunft über die Allgemeinheit geben, selten aber über den Einzelfall. Eine kritische Distanz zu psychologischen Ratschlägen ist deshalb empfehlenswert. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

***

Meist können wissenschaftliche Studien Auskunft über die Allgemeinheit geben, selten aber über den Einzelfall. Eine kritische Distanz zu psychologischen Ratschlägen ist deshalb empfehlenswert.

Manchmal bekomme ich Briefe von Menschen, die ich nicht kenne. Vor wenigen Monaten schickte mir zum Beispiel ein Berliner eine Idee zu meiner Forschung. Seitdem schreiben wir uns hin und wieder und denken die Idee weiter, das ist sehr inspirierend. Häufiger als Ideen bekomme ich allerdings Briefe mit Fragen. Und meist schließen sich diese Fragen an eine ausführliche Beschreibung der Lebenssituation des Schreibenden an. Solche Fragen ehren mich, wegen ihrer unbekümmerten Offenheit und wegen des Glaubens, ich hätte einen psychologischen Rat. Das Problem ist: Oft werden psychologische Ratschläge hoffnungslos überschätzt.

Zum Beispiel war ich vor einiger Zeit auf einer feierlichen Abendveranstaltung mit einem anschließenden köstlichen Buffet. Während ich mir kleine verzierte Gemüseschnitze auf den Teller stapelte, sprach mich ein junger Mann an, er habe gehört, ich sei Psychologin und schreibe über die Liebe, er habe da mal eine Frage. Das klang nach einer spannenden Geschichte. Und so saß ich wenige Sekunden später zwischen dieser ganzen vornehmen Förmlichkeit und lauschte Berichten zu romantischen Höhepunkten (beziehungsweise dem Ausbleiben dieser), verspäteten Liebeserklärungen auf dem Eiffelturm und unerwiderter Liebe.

Und dann folgte die Frage nach dem psychologischen Rat. Schwierig. Ich habe mich natürlich bemüht, bin dann aber doch ans Buffet geflüchtet. Denn es ist ja so: Solche Lebensgeschichten wecken zwar genau die Neugier, die vor zehn Jahren mein Grund für das Psychologiestudium waren, in der Wissenschaft geht es aber kaum um den Einzelfall, sondern meist um allgemeine Zusammenhänge. Mit den Fragen nach Rat kommen dann aber eben nicht Max Mustermann und Lieschen Müller, sondern in den allermeisten Fällen Menschen in ungewöhnlichen Lebenssituationen.

Neulich saß ich mit meiner Freundin Maria im Hotel Seeblick, einem Café in Leipzigs Südvorstadt. Es ging um die Liebe, beziehungsweise um eine verkorkste Situation, in der sie sich befand. Maria ist absolut immun gegen psychologische Ratschläge, schließlich hantiere man ja nur mit Wahrscheinlichkeiten und in ihrem Einzelfall könne alles ganz anders sein. Stimmt natürlich. Aber bei der Wahl zwischen einer Brücke mit einem Einsturzrisiko von 99 Prozent und einer solchen mit einem Einsturzrisiko von 1 Prozent würden die meisten dann doch die zweite überqueren. Einstürzen kann man dabei aber natürlich trotzdem.

Ohnehin sind Ratschläge aus dem Elfenbeinturm mit Vorsicht zu genießen, findet Markus. Mit ihm und weiteren Freunden treffe ich mich einmal im Monat und meist wird sich dann zu den romantischen Highlights der vergangenen Wochen ausgetauscht. Es sind einige Psychologen darunter, Rat lässt also meist nicht lange auf sich warten. Als wir kürzlich im Café Schadé im Wedding saßen und weit über die erste geteilte Rotweinflasche hinaus waren, meinte Markus, es sei doch erstaunlich, dass sich häufig gerade diejenigen beruflich einem Thema widmeten, die in der Realität keinen blassen Schimmer davon hätten. Nun ja, wissenschaftliche Informiertheit ist eben längst noch kein Erfolgsgarant für die Alltagsbewältigung.

Manchmal sind wackelige Brücken sowieso die bessere Option. Ich habe zum Beispiel meine Tochter mit 18 und meinen Sohn mit 21 Jahren bekommen. Dass dies der Weg über die wackelige Brücke ist, zeigen zahlreiche Studien zu den Risiken früher Elternschaft. Und wackelig ist es tatsächlich, aber ganz eingestürzt ist die Brücke nicht. Manchmal muss man eben neue Brücken bauen, wissenschaftliche Ergebnisse sind schließlich auch nur ein Spiegel der Gesellschaft und müssen eben nachziehen, wenn sich die Realität verändert.

Zum Weiterlesen

Boden, J. M., Fergusson, D. M., & Horwood, L. J. (2008). Early motherhood and subsequent life outcomes. The Journal of Child Psychology and Psychiatry, 49, 151-160.

➲ über neue Brücken: Wissenschaft und Familie: Eine Dialogplattform.

Soundtrack zum Blog-Post

➲ über einen gut gemeinten Ratschlag: „The Cigarette Duet“ von Princess Chelsea

***

Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden Dienstag schreibt darin einer von sechs Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.