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über einen neuen namen.

27 Feb

Bild von Thang Le

Bild von Thang Le

Ich habe meinen Namen ändern lassen. Nun heiße ich auch offiziell Jule Specht. Nicht nur wie bisher für Freunde, Kolleginnen und die Öffentlichkeit, sondern so steht es jetzt auch im Pass. Damit passt nun mein Identitätsgefühl zu meiner offiziellen Identität. Und eine unkonventionelle anti-aging-Maßnahme ist das außerdem, denn mein verkürzter Vorname ist deutlich jünger als ich. Insofern kann ich Baptiste Coulmont nur zustimmen, wenn er schreibt: „Name changes are good examples of identity changes.“ [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Ich habe meinen Namen ändern lassen. Nun heiße ich auch offiziell Jule Specht. Nicht nur wie bisher für Freunde, Kolleginnen und die Öffentlichkeit, sondern so steht es jetzt auch im Pass. Vorher habe ich etwa zwei Jahre lang abgewogen. Bis ich dann im Dezember mit einem Lieblingsfreund auf Gran Canaria war, wir aufs Meer schauend die Argumente wälzten und er schließlich feststellte, dass er wohl vor einer Namensänderung zurückschrecken würde, es aber zu mir passt, das durchzuziehen, was ich für richtig halte. Stimmt. Und so wurde ein Neujahrsvorsatz noch vor dem Frühlingsanfang in die Tat umgesetzt.

Einfach ist das nicht, denn das Recht auf Vornamensgebung liegt bei den Eltern. Zum Glück kann ein mehrseitiges Begründungsschreiben den zuständigen Mitarbeiter beim Standesamt überzeugen. Dennoch bleibt ein ungutes Gefühl bei einer so persönlichen, identitätsstiftenden Angelegenheit wie dem eigenen Namen vom Wohlwollen anderer abhängig zu sein. Konflikte zwischen dem eigenen Identitätsgefühl und der offiziellen Identität riskieren nämlich eine identity confusion. Diese wiederum kann nach Theo Klimstra und Lotte van Doeselaar eine ernste psychische Belastung werden.

Als die Mitarbeiterin im Bürgerbüro mir einen neuen Pass bestellt, fügt sie hinzu, sie hätte bei der Gelegenheit gleich den Nachnamen mit geändert, der sei ja mittlerweile auch irgendwie obsolet. Stimmt einerseits: Schließlich ist es der Nachname einer großen, aber vergangenen Liebe. Aber deshalb nach über zehn Jahren wieder den Mädchennamen annehmen? Was macht das mit einer weiblichen Identität, wenn man vom Nachnamen des Vaters zum Nachnamen des Ehemannes wechselt und sich von beiden emanzipiert? Deshalb andererseits: Der Name gehört zu mir, keine Identitätskonfusion in Sicht, der bleibt.

Wobei, am liebsten wäre es mir ja, es gäbe – wie im öffentlichen Nahverkehr – eine Art Vierfahrten-Karte für die Namensänderung. Man könnte neue Identitäten ausprobieren statt in alten sozialen Rollen festzuhängen und, sollten sich diese bewähren, diese mit einer Namensänderung besiegeln. In einem schönen Artikel im Süddeutsche Zeitung Magazin gibt der Psychologe Dieter Frey allerdings zu bedenken: „Wenn ich die Chance habe, nur ich sein zu dürfen – wäre das ein Dauerzustand, oder hole ich nur bestimmte Defizite nach, die im Alltag zu kurz kommen?“

Eine vorübergehende Identität um Defizite auszugleichen? Gern, ich sprühe nur so vor Defiziten, die ich gern mal überwinden würde. Und so sitze ich mit Max, einem Freund, in einer Kreuzberger Bar und designe neue Identitäten. Später traue ich mich dann aber doch nicht diese auszuprobieren. Für die Vornamensverkürzung reicht der Mut jedoch noch. Und obwohl mir dieses Bedürfnis individuell vorkommt, ist es das nicht. Laut Baptiste Coulmont gibt es vor allem drei Gründe dafür: (1) Anpassung an eine neue Kultur, (2) Anpassung an eine neue geschlechtliche Identität und (3) Verjüngung.

Tatsächlich wurde mein neuer Name erst 10 Jahre nach meiner Geburt populär. Kein Einzelfall, wie Coulmont zeigt: Die neuen Namen sind im Mittel etwa 25 Jahre jünger als die ursprünglichen Namen. Eine Art anti-aging-Maßnahme für die Identität, könnte man sagen. Das ist natürlich nur ein kleiner Aspekt des Namensänderungsbedürfnisses, aber ein interessanter, da ich mir doch oft zu alt für mein Alter vorkomme. Nun aber nicht mehr, schließlich hat kürzlich auch ein Lieblingskollege eine Tochter mit dem Namen ‚Jule’ bekommen. Ich bin namenstechnisch ganz offensichtlich im Jetzt angekommen.

Zum Weiterlesen

Baptiste Coulmont (2014). Changing one’s first name in France: A fountain of youth?. Names, 62, 137-146.

Theo A. Klimstra und Lotte van Doeselaar (im Druck). Identity formation in adolescence and young adulthood. In J. Specht (Editorin), Personality development across the lifespan. San Diego: Elsevier.

Susanne Schneider (2017). Wer ich wäre. Süddeutsche Zeitung Magazin, 4.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin eine von derzeit vier KolumnistInnen – und ich bin eine davon – über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

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über einen verschwundenen.

2 Jan

Bild von Tiger Pixel

Bild von Tiger Pixel

Mein alter Schulkamerad V. ist seit fünf Jahren unauffindbar. Kann ich mir kaum vorstellen, in dieser digital age. So analog kann man doch gar nicht sein, dass man einfach so verschwindet, denke ich. Oder? Gibt es die noch, die letzte analoge Bastion? Wo ist das und wer scheut die digitale Bühne in social media? Und vor allem: Wo ist V.? [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Ich stehe an einem einsamen Bahngleis im schleswig-holsteinischen Nowhereland und warte auf meinen Zug nach Berlin. Der einzige Mitwartende ist ein junger Mann mit Fahrrad, der mir etwas zu tief in die Augen schaut, als dass ich das so einfach ignorieren kann. Und tatsächlich, ich erinnere mich, es ist Robert, ein alter Schulkamerad, mit dem ich vor elf Jahren mein Abitur machte. So ein Zufall! Während der anschließenden Zugfahrt reden wir über die gemeinsame Zeit und die Jahre danach und kommen auf unseren Schulkameraden V. zu sprechen, der, so stellt sich heraus, seit fünf Jahren unauffindbar ist.

Kann ich mir kaum vorstellen, in dieser digital age. So analog kann man gar nicht sein, dass man einfach so verschwindet, denke ich. Google, Facebook, Twitter und Co helfen nicht weiter, wäre ja auch zu einfach gewesen. Fast vergessene Schulfreunde tauchen dort auf, doch bei allen verläuft sich V.’s Spur im Oktober 2011. Alte Telefonnummern und Mailadressen führen ins Leere, auch die Telefonauskunft weiß nicht weiter. Eine Freundin fährt bei seiner alten Adresse vorbei, aber seine Familie ist vor Jahren aus der Stadt gezogen.

Mit Florian, einem Freund, sitze ich in Lübecks alter Mühle und frage nach Rat: Kann man in heutiger Zeit wirklich verschwinden, in eine analoge Welt abtauchen? Oder ist V. unauffindbar, weil es ihn nicht mehr gibt, weder digital noch analog? Die Sorge wächst, ich fange an, Todesanzeigen zu screenen. Florian erzählt von einem ehemaligen Kommilitonen, ein schillernder Typ mit Cabrio, der plötzlich nicht mehr im Seminar saß, dafür im Gefängnis, wegen Drogenhandels. Auch er ein Verschwundener, denn im Gefängnis gibt es kein social media, vielleicht eine letzte analoge Bastion?

Nun will ich V. wirklich finden, schon um mein ungutes Gefühl zu beruhigen. Ich frage meinen alten Tango-Tanzpartner, der bei der Bundespolizei arbeitet. Ist V. im Gefängnis oder gewaltsam gestorben, dann müsste er davon wissen. Er weiß von nichts. Eine Andeutung, die Hoffnung macht. Ein befreundeter Journalist empfiehlt in klassischer Recherche-Manier das Bürgeramt. Melderegisteranfragen gehen dort nur per Post oder Fax (hello digital age!), manchmal reicht viel Charme. Es dauert trotzdem ewig, denn für jeden neuen Wohnort ist ein anderes Bürgeramt zuständig.

Irgendwann lande ich in der sächsischen Pampa. Eine vergnügte Sachbearbeiterin teilt mir per Mail mit, sie dürfe nichts sagen, das ginge nur per Post, sie sei aber guten Mutes. Und sie gratuliert herzlich zum neuen Job und den beiden (nicht so neuen) Kindern, sie lese jetzt nämlich meinen Blog. Was für ein Kontrast zwischen mir, der Suchenden, die regelmäßig fast schamfrei über Persönliches schreibt und V., seit fünf Jahren unauffindbar. Doch dann kommt der Brief: V. lebt, in einem kleinen Ort bei Chemnitz, wie sich herausstellen wird, gesund und munter.

Eine große Erleichterung! Es gibt sie also noch, die nur scheinbar Verschwundenen, die Analogen. Ich lese bei Tracii Ryan und Sophia Xenos, es seien vor allem die Gewissenhaften und Schüchternen, die auf die digitale Bühne in social media verzichten. Aber David Hughes und Kollegen relativieren, diese Persönlichkeitsunterschiede werden kleiner, weil hierzulande mittlerweile quasi alle online seien. Zumindest bleiben die Analogen verschont von social bots und psychological targeting, vielleicht sind sie die Einzigen, die noch unmanipuliert durchs Leben gehen. Aber unauffindbar, das sind sie nicht, wenn man sie sucht.

Zum Weiterlesen

Wolfie Christl und Sarah Spiekermann (2016). Networks of control: A Report on Corporate Surveillance, Digital Tracking, Big Data & Privacy. Wien: facultas.

David J. Hughes, Moss Rowe, Mark Batey und Andrew Lee (2012). A tale of two sites: Twitter vs. Facebook and the personality predictors of social media usage. Computers in Human Behavior, Vol. 28, S. 561-569.

Tracii Ryan und Sophia Xenos (2011). Who uses Facebook? An investigation into the relationship between the Big Five, shyness, narcissism, loneliness, and Facebook usage. Computers in Human Behavior, Vol. 27, S. 1658–1664.

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über schwere entscheidungen und glückliche zufälle.

7 Nov

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Foto von Pauli Antero

Wir treffen eine Vielzahl von grundlegenden Lebensentscheidungen unter großer Unsicherheit. Manchmal hilft die Intuition dabei und berücksichtigt sowohl vernünftige Abwägung als auch emotionale Präferenzen. Aber was, wenn die Intuition ratlos ist? Soll dann der Kopf entscheiden? Oder der Zufall? Mein Plädoyer: Im Zweifel immer die Veränderung wagen! [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Kürzlich musste ich eine grundlegende Lebensentscheidung treffen: Ich bekam eine Stelle in Lübeck angeboten, gleichzeitig tat sich eine vielversprechende berufliche Chance in Berlin auf. Was für ein Glück, was für ein Hochgefühl! Nun lagen zwei Lebenswege vor mir und ich musste eine folgenschwere Entscheidung treffen. Eine Woche habe ich abgewartet: Meist klärt das meine Intuition nach einiger „Bedenkzeit“ von selbst. Nicht in diesem Fall, sie war ratlos. Also half der Kopf nach: Ich holte alle erdenklichen Informationen ein, sprach mit alten und neuen Kolleginnen und Kollegen und mehreren Lieblingsmenschen. Letztendlich fiel die Wahl auf Lübeck.

Es kam dann ganz anders als erwartet. Gute Gründe für Lübeck lösten sich in Luft auf, dafür taten sich neue gute Gründe auf. „Man kann nie so kompliziert denken, wie es plötzlich kommt“, wusste schon Willy Brandt, wenn man dem – mit Zitaten gespickten – Flur in dem Lübecker Hotel glaubt, in dem ich zurzeit die erste Wochenhälfte verbringe. Da ist dann Intuition gefragt: Ein Geistesblitz als eine Mischung aus kühler Logik und heißen Gefühlen, der mit einer plötzlichen Einsicht die Entscheidung erleichtert, meint Wolf Lotter. Aber was, wenn der Geistesblitz ausbleibt?

Neulich wurde ich gefragt, warum ich in Münster studiert habe. Auch das war eine grundlegende Lebensentscheidung und ich war offen für alles, das Bauchgefühl also keine Entscheidungshilfe. Bei der Suche nach einer Antwort stoße ich auf alte Dateien aus dem Sommer 2004, meinem letzten Schulferiensommer. Ich habe damals anscheinend quasi alle Psychologie-Studienordnungen gelesen und meine Studienortwahl nach einem komplexen Entscheidungsschema getroffen, das die Schwerpunktfächer, Größe der Stadt, Entfernung zu den Eltern (nicht zu nah und nicht zu fern) und diverse Hochschulrankingsbeinhaltete. Heraus kam die Entscheidung für Münster – eine gute Entscheidung, aber wirklich besser als alle anderen?

Mit einem guten Freund sitze ich im eins44 in Neukölln, er lädt mich zur Feier der Lübeck-Zusage zum Essen ein. Und wir reden über meine Entscheidung für Lübeck trotz meiner Liebe zu Berlin. Er findet, es werden häufig falsche Entscheidungen getroffen, vielleicht nicht in diesem Fall, aber andernorts: Bei Stellenbesetzungen oder dem Verteilen von Forschungsgeldern zum Beispiel. Insofern hat er Sympathie dafür, den Zufall entscheiden zu lassen. Die Welt ist sowieso unvorhersehbar (vielleicht zum Glück!). Und die Vernunft kann zwar im Vorhinein mit viel Mühe Informationen sammeln und abwägen, ist dann aber doch unwissend und – schlimmer noch – systematisch verzerrt.

Steven Levitt war anscheinend ähnlicher Ansicht und nutzte den Zufall in einem Feldexperiment: Unentschlossene Menschen ließ er online zu einer wichtigen Lebensentscheidung eine Münze werfen. 20.000 Münzwürfe später zeigte sich: Die Unentschlossenen nehmen die Zufallsempfehlung ernst und diejenigen, die sich für eine Veränderung entschieden, waren ein halbes Jahr später glücklicher als diejenigen, die sich (vorerst) gegen eine Veränderung entschlossen. Statt den Zufall entscheiden zu lassen, empfiehlt Levitt den Unentschlossenen nun: „Wenn Sie sich nicht entscheiden können, sollten Sie das Neue wählen“.

Ob das Eingehen einer exklusiven Beziehung oder das Beenden einer ebensolchen, die Suche nach dem Studienort oder eine berufliche Weiterentwicklung, wir treffen eine Vielzahl von grundlegenden Lebensentscheidungen unter großer Unsicherheit. Meist ist völlig unklar, wie die Zukunft wird, was sie nur begrenzt rational zugänglich macht. Welche Entscheidung auch getroffen wird, viel wichtiger scheint mir, überhaupt Entscheidungen zu treffen. Denn keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung und vielleicht die schlechteste von allen Alternativen. Ich selbst lege mich deshalb gern fest. Aber gern immer wieder neu. Im Zweifel bin ich eigentlich immer für Veränderung. Aber auch das kann sich natürlich verändern.

Zum Weiterlesen

Die Junge Akademie (2015). Zufall – Wem fällt was zu?. Junge Akademie Magazin.

Levitt, S. D. (2016). Heads or tails: The impact of a coin toss on major life decisions and subsequent happiness. the National Bureau of Economic Research, Working Paper 22487.

Lotter, W. (2016). Zündstoff: Intuition und Vernunft sind keine Gegensätze. Sie ergänzen einander ideal. brand eins.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

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über die persönlichkeit der politik.

13 Sep

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Foto von Anna Lena Schiller

Nicht nur Menschen unterscheiden sich in einer Fülle von Eigenschaften voneinander, sondern Parteien ebenso. Zumindest wenn man sie sprachlich analysiert. Einen Blick in die ‚Psyche‘ der Politik wagt dieser Blogtext anhand der Berliner Wahlprogramme, in denen überraschend wenig Blabla und umso mehr Parteispezifika stecken. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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„Ich könnte nie eine Partei wählen, die ein Plakat hat, auf dem der Kopf von einem Kind abgeschnitten ist“, stellt meine Tochter fest. Wir fahren durch Berlin und die Straßen sind mit Wahlkampfplakaten gesäumt. Ganz so makaber wie es klingt, ist es allerdings nicht: Der Spitzenkandidat der Berliner CDU möchte lediglich seine Nähe zur Familie mit einem Foto seines Sohnes unterstreichen, gleichzeitig aber anscheinend dessen Persönlichkeitsrechte schützen. Deshalb zeigt das Plakat den Körper des Jungen ohne Kopf. Nun ja, diese Unentschlossenheit irritiert.

Abgesehen von solchen Fauxpas‘ geben Wahlplakate eher wenig her. Links der Mitte wird mit Vielfalt und Zusammenhalt geworben, rechts der Mitte mit Sicherheit und Stabilität. Letztendlich dominiert aber das Bild. Es ist ein bisschen wie bei Tinder: Potentiell wichtige Entscheidungen sollen auf Basis eines bedingt aussagekräftigen Bildes gemacht werden. Vermutlich folgerichtig werben SPD und CDU in Berlin nun auch auf Tinder für Wählerherzen. Schade, dass sich nicht auch einige Straßenplakate per Wisch nach links aus dem Blickfeld sortieren lassen.

Einen besseren Einblick bieten da die Wahlprogramme. Und das BlaBlaMeter entlarvt auch gleich: So viel Blabla ist da gar nicht, aber natürlich gibt es individuelle Unterschiede. Grüne und Linke, dicht gefolgt von der SPD, haben einen sogenannten Bullshit-Index von etwa .30, das ist (fast) so gut wie ein hochwertiger journalistischer Text. Die Piraten sind dagegen weit abgeschlagen, noch hinter FDP und CDU. Allerdings ist der Hang zum leeren Gerede auch nur ein Aspekt der Persönlichkeit.

Einen tieferen Blick in – wenn man so möchte – die Psyche der Parteien bietet ein anderes Instrument der Psychologie: das Linguistic Inquiry and Word Count (kurz: LIWC). Über automatische Textanalysen kann es verschiedene Aspekte der Persönlichkeit aufdecken. James Pennebaker wies damit zum Beispiel auf Persönlichkeitsunterschiede zwischen Hillary Clinton und Donald Trump hin: Während Hillary Clinton optimistisch, abwägend und kooperativ sei, sei Donald Trump pessimistisch, selbstüberzeugt und machtmotiviert. Bei solchen Individualdiagnosen aus der Ferne ist jedoch Vorsicht geboten, wie die New York Times kürzlich richtig mahnte.

Die Analyse der Berliner Wahlprogramme ist dagegen unverfänglicher und zeigt eine bunte Mischung an Merkmalen: Die SPD gibt sich vor allem gemeinschaftlich, ist positiv, selbstsicher, mit Fokus auf der Vergangenheit. Auch die CDU strahlt viele positive Emotionen aus, gibt sich aber weniger selbstsicher und kommunikativ. Die Grünen zeigen sich vor allem rational und sozial, dafür wenig emotional. Im Gegensatz dazu stechen bei den Linken viele negative und wenig positive Emotionen hervor. Auch die AfD fällt durch wenig positive, dafür umso mehr negative Emotionen auf und sie setzt auch im Sprachstil eher auf Abgrenzung als Integration.

Natürlich ersetzen solche Persönlichkeitszuschreibungen keinen Wahl-O-Mat. Sie zeigen aber, dass sich nicht nur Menschen in einer Fülle von Eigenschaften voneinander unterscheiden, sondern Parteien ebenso. Zumindest wenn man sie sprachlich analysiert. Dass die Sprache in der Politik aber zentral ist, betont die Linguistin Elisabeth Wehling. Ihrer Aussage nach gibt es keinerlei lose Fakten, stattdessen ist jede (politische) Botschaft durch Deutungsrahmen verzerrt und damit manipulativ. Ebenso wie dieser Blogartikel übrigens, der immerhin einen akzeptablen Bullshit-Index von .26 hat und laut LIWC deutlich persönlicher und optimistischer ist als jedes der Wahlprogramme.

Zum Weiterlesen

Dönges, J. (2009). Du bist, was Du sprichst. Gehirn und Geist, 1-2, 24-28.

Pennebaker, J. W., & King, L. A. (1999). Linguistic styles: Language use as an individual difference. Journal of Personality and Social Psychology, 77, 1296-1312.

Wehling, E. (2016). Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Köln: Halem Verlag.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

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über große und größere sorgen.

18 Jul

Foto von vintagecat

Foto von vintagecat

Die eigenen Sorgen sind meist nicht die größten, merke ich wieder. Denn gegen einen Hirntumor oder den Psychiatrie-Alltag, ein totes Kind oder hunderte Bürgerkriegstote sind die eigenen Probleme meist ein Klacks. Nach der Amokfahrt in Nizza und dem Putschversuch in der Türkei – beides geschah nach Abgabe dieses Textes – sollte man vielleicht sogar von großen, größeren und noch größeren Sorgen sprechen. Aber werden davon die großen Sorgen kleiner?

Geht es Menschen schlecht, vergleichen sie sich häufig mit Personen denen es noch schlechter geht, das schützt nämlich das eigene subjektive Wohlbefinden vor dem Kollaps. Es ist jedoch ein schmaler Grat zwischen den Vorteilen und Nachteilen dieser sozialen Vergleiche. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Die eigenen Sorgen sind meist nicht die größten, merke ich wieder. Kürzlich, an einem dieser warmen Berliner Sommerabende, sitze ich zur Belohnung nach einem fleißigen Schreibtag lesend bei einem Glas Weinschorle in der Böse Buben Bar. Es ist Freitag, überall Geplauder und Gelächter. Bei mir stattdessen ein Anflug des Gefühls großstädtischer Einsamkeit. Im Trubel um mich herum ist die Stimmung gelöst, ich dagegen vertiefe mich – allein – in den erschütternden Psychiatrie-Alltag in Rainald GoetzIrre.

Am Nebentisch treffen sich derweil drei alte Freundinnen wieder. Wie es scheint, nach langer Zeit. Ehemalige Kommilitoninnen vielleicht, thirtysomething. Natürlich lauscht man nicht, aber der Wind trägt die Worte ungefragt herüber: Eine der drei eröffnet, sie hätte eine Hirntumor-Diagnose erhalten. Bam. Die Freundinnen sind offensichtlich geschockt, sie sagen erst nichts, dann Belangloses, totale Überforderung. Was soll man auch sagen, denke ich. „Don’t cry – work“, lese ich bei Goetz. Und: „Nur die Arbeit hilft gegen das ganze schlimme Leben.“

Die eigenen Sorgen sind gegen Hirntumor und Psychiatrie-Alltag ein Klacks. Macht es das besser? Psychologische Studien zu sozialen Vergleichen nehmen das tatsächlich an. Besonders häufig vergleichen sich, laut einer Studie von Ladd Wheeler und Kunitate Miyake, Menschen mit engen Freunden und weitaus häufiger über sogenannte downward comparisons. Das heißt, wir vergleichen uns bevorzugt mit schlechter gestellten Menschen unseres näheren Umfelds. Und das ist durchaus funktional, denn in dieser Studie fühlten sich die Probanden anschließend besser. Upward comparisons dagegen haben den umgekehrten Effekt, sind also nicht empfehlenswert.

Ich finde das überraschend: Ist ein gesunder, glücklicher und erfolgreicher Freundeskreis tatsächlich ein Risikofaktor für das eigene Wohlbefinden? Bestätigung dafür findet sich auch in einer Studie von Karen VanderZee und Kollegen. Sie fanden bei Krebskranken ein erstaunlich hohes Wohlbefinden und konnten dies darauf zurückführen, dass mit steigender krankheitsbedingter Belastung auch die Häufigkeit von downward comparisons steigt, die wiederum das subjektive Wohlbefinden vor dem Kollaps schützen. Zum Glück findet sich also selbst unter Schwerstkranken immer noch jemand, dem es noch schlechter geht!?

Anders bei einer guten Freundin, die vor wenigen Jahren ihr lang ersehntes Wunschkind in der fortgeschrittenen Schwangerschaft verlor. Für sie ein einschneidender Schicksalsschlag, der ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen sollte. Ihr Vater meinte es damals vermutlich gut, als er sie an eine Bekannte der Familie erinnerte, die ein schwerstbehindertes Kind gebar, das nur zwei Jahre überlebte und rund um die Uhr von Pflegepersonal versorgt werden musste. Tröstend war das für die Freundin jedoch nicht, sondern weiteres Futter für die Hoffnungslosigkeit.

Oder bei Milo Rau: In Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs lässt er seine Hauptperson mit Blick auf das Foto des toten kleinen Jungen am Mittelmeer fragen, was denn ein einzelner Toter schon gegen all die Bürgerkriegstoten im Kongo sei. Der downward comparison als rhetorisches Ausweichmanöver, auch als Whataboutism bekannt, um von Missständen abzulenken, indem man anderes Elend ins Feld führt. Als würde die schreckliche Tragik über den sinnlosen Tod eines Kindes dadurch geschmälert, dass es woanders ebenso Leid gibt.

Es ist ganz offensichtlich ein schmaler Grat zwischen den Vorteilen und Nachteilen dieses sozialen Vergleichs: auf der einen Seite die Dankbarkeit, dass es einem selbst nicht so schlecht geht, wie es gehen könnte. Auf der anderen Seite das Gefühl, dass die eigenen ernstzunehmenden Probleme nicht als solche erkannt werden. Zurück zum Anfang: In den eben noch wohlig warmen Sommerabend ist mit der niederschmetternden Nachricht der unbekannten Tischnachbarin die Kälte eingezogen. No benefits from downward comparison here.

Zum Weiterlesen

Goetz, R. (1986). Irre. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

VanderZee, K. I., Buunk, B. P., DeRuiter, J. H., Tempelaar, R., VanSonderen, E., & Sanderman, R. (1996). Social comparison and the subjective well-being of cancer patients. Basic and Applied Social Psychology, 18, 453-468.

Wheeler, L., & Miyake, K. (1992). Social comparison in everyday life. Journal of Personality and Social Psychology, 62, 760-773.

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über fragmentierte liebesleben.

23 Mai

Foto von Priscila Tonon Ramos

Foto von Priscila Tonon Ramos

Die Suche nach der großen Liebe gestaltet sich manchmal wie die vergebliche Suche nach der sogenannten eierlegenden Wollmilchsau. Statt zu resignieren hat meine Freundin Anna ihr Liebesleben perfektioniert indem sie es vor einiger Zeit fragmentierte. Unterschiedliche Bedürfnisse, die sich in einer klassischen Partnerschaft exklusiv an eine Person richten, werden in ihrem Leben auf drei Männer verteilt. Aber macht diese ‚Arbeitsteilung‘ im Liebesleben glücklich? [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Meine Freundin Anna hat ihr Liebesleben perfektioniert, indem sie es vor einiger Zeit fragmentierte. Unterschiedliche Bedürfnisse, die sich in einer klassischen Partnerschaft exklusiv an eine Person richten, werden in ihrem Leben auf drei Männer verteilt: (1) Ihre vergangene große Liebe, mit der sie ein Kind großzieht, aber nicht mehr zusammenlebt, (2) eine Affäre mit einem vergebenen Mann, mit dem sich das Bett, aber nicht der Alltag teilen lässt und (3) einer potenziellen großen Liebe (wie sie es nennt) mit der sie eine tiefe, aber ausschließlich platonische Beziehung pflegt.

Organisatorisch und emotional klingt das für mich nach einer Herausforderung. Andererseits erscheint es durchaus konsequent die vergebliche Suche nach der sogenannten eierlegenden Wollmilchsau zu lösen, in dem man sich – dieser Analogie folgend – einen Bauernhof zulegt. Den Männern gegenüber hat meine Freundin Anna keinerlei Verpflichtungen und bekommt von jedem das Beste. Aber macht diese ‚Arbeitsteilung‘ im Liebesleben glücklich? Aus psychologischer Sicht spricht zumindest einiges dafür, denn Diversität wirkt sich in vielen Lebensbereichen positiv auf das Wohlbefinden aus.

Nehmen wir zum Beispiel sogenannte Emotionships. So werden soziale Beziehungen genannt, die unterschiedliche Bedürfnisse bei der Emotionsregulation erfüllen. Der Partner eignet sich vielleicht hervorragend dazu, die eigene Ängstlichkeit zu mindern, während sich die beste Freundin eher dadurch auszeichnet, dass sie in traurigen Augenblicken aufheitern kann. Elaine Cheung und Kollegen fanden heraus, dass die Personen am glücklichsten sind, die möglichst viele Emotionships haben. Das Wohlbefinden ist also dann am höchsten, wenn eine Person, je nach Stimmungslage, auf unterschiedliche soziale Beziehungen zugreifen kann.

Auch fühlen sich Menschen besonders dann unterstützt, wenn sie sich einer großen Anzahl unterstützender Personen sicher sind, selbst wenn die individuelle Unterstützung sehr klein ist. Anstatt also alle Emotionen und Sorgen bei einer einzigen Person abzuladen, empfiehlt es sicher eher, ein möglichst diverses Netz an sozialen Kontakten aufzubauen, die alle einen kleinen spezialisierten Teil übernehmen. Sheldon Cohen und Denise Janicki-Deverts berichten sogar, dass Personen mit diverseren sozialen Netzwerken länger leben, widerstandsfähiger gegenüber Krankheiten sind und sich von schweren Krankheiten besser erholen.

Aber zurück zur Liebe: Die Polyamorie wird weiter an Bedeutung gewinnen, erwartet Milosz Matuschek. In Zeiten der ‚Sharing Economy‚ wird eben nicht nur die Wohnung per Airbnb und das Auto per DriveNow geteilt, sondern auch der Lebensgefährte. Die romantische Dyade sei ja ohnehin nur eine Anhäufung unhaltbarer Versprechungen. Und wer weiß, vielleicht werden unsere Kinder später ebenso ungläubig den Kopf über das Verbot der Vielehe schütteln wie wir heutzutage über die erschreckend lange Verfolgung Homosexueller? Schließlich sei, so Matuschek, doch ohnehin alles seltsam, bevor es normal wird.

Was das Wohlbefinden betrifft, so zeigt sich dieses im Allgemeinen unbeeindruckt von der Monogamie und (einvernehmlichen) Polygamie. Denn ob eine Person monogam, polyamorös oder in einer offenen Beziehung lebt, wirkt sich laut Alicia Rubel und Anthony Bogaert nicht auf ihr Wohlbefinden aus. Meine Freundin Anna erhofft sich dagegen noch Luft nach oben und sieht ihr fragmentiertes Liebesleben als Übergangszustand beim Warten auf den exklusiv geliebten Traumprinzen.

Zum Weiterlesen

Cheung, E. O., Gardner, W. L., & Anderson, J. F. (2015). Emotionships: Examining people’s emotion-regulation relationships and their consequences for well-being. Social Psychological and Personality Science, 6, 407-414.

Cohen, S., & Janicki-Deverts, D. (2009). Can we improve our physical health by altering our social networks?. Perspectives on Psychological Science, 4, 375-378.

Rubel, A. N., & Bogaert, A. F. (2015). Consensual nonmonogamy: Psychological well-being and relationship quality correlates. Journal of Sex Research, 52, 961-982.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

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über alterspanik.

28 Mrz

Foto von Amanda Tipton

Foto von Amanda Tipton

Seit über zwei Jahren bin ich ‚fast 30‘. In wenigen Wochen muss ich das ‚fast’ daraus streichen. Obwohl längst im Erwachsenenleben gelandet, stellt dieser Übergang vom jungen ins mittlere Erwachsenenalter eine emotionale Herausforderung dar. Ein Grund dafür: Der 30. Geburtstag ist ein ’temporal landmark‘, ein zeitlicher Orientierungspunkt, ab dem man angekommen ist und alles so bleibt wie es ist — ein Trugschluss, Segen oder bittere Wahrheit? [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Mein 30. Geburtstag ist zum Greifen nahe. In wenigen Wochen wird der Tag kommen, dem ich seit über zwei Jahren ängstlich entgegen blicke. Genau genommen habe ich mich nie wie 28 oder 29 gefühlt, sondern immer nur wie „fast 30“. Ben, ein guter Freund, findet das überzogen und meint: „Du wirst sehen, 30 werden ist voll easy.“ Er sieht sich damit im wissenden Recht des Älteren, schließlich hat er im vergangenen Jahr sogar die 40 geschafft. Ein Einzelfall ist meine Alterspanik jedoch nicht, stattdessen geht es zahlreichen Twens ähnlich.

„Ich dachte, der 30. stellt ne Hürde dar, solange man es noch nicht ins Erwachsenenleben geschafft hat“, meint Jonathan, auch er ein befreundeter Überdreißiger. Dabei bin ich da längst: Ausbildung beendet, Traumberuf gefunden, Kinder bekommen. Mein soziales Alter hat die Hürde des 30. damit geschafft, das chronologische Alter hinkt also hinterher. Warum dann also dieses Unwohlsein? Ein Resultat des medial promoteten Jugendwahns?

Zumindest ist ein Geburtstag, noch dazu ein Runder, ein temporal landmark, ein zeitlicher Orientierungspunkt. Johanna Peetz und Anne Wilson fanden heraus, dass wir solche temporal landmarksnutzen, um Erinnerungen und Ziele zu strukturieren. Auch wenn sich durch die temporal landmark nichts Nennenswertes ändert – wir werden in der Nacht zum Geburtstag nicht plötzlich zu einem anderen Menschen – empfinden Menschen einen Gegensatz zwischen dem Selbst davor und dem Selbst danach. Peetz und Wilson argumentieren, dass das durchaus positiv sei, da es Menschen zu zielorientiertem Handeln motiviert.

Der 30. Geburtstag ist ein Sonderfall, zumindest aus der Perspektive der Entwicklungsaufgaben: Das junge Erwachsenenalter steht im Zeichen der Herstellung von sozialen Rollen (establishing). Es wird sich für Lebenswege entschieden: eine Familie gegründet, ein Beruf gewählt. Im mittleren Erwachsenenalter geht es dann vor allem um das Beibehalten dieser Rollen (maintaining). Und im hohen Alter steht das Anpassen an Verluste im Vordergrund (adjusting). Glücklicherweise ist das Leben heutzutage selten so gradlinig, und verschnörkelte Lebenswege sind weitgehend anerkannt. Dennoch ist der Übergang vom jungen ins mittlere Erwachsenenalter eine Zeit zum Bilanz ziehen.

Kein Problem, wenn die Bilanz positiv ausfällt. Dann übernimmt sorglos die End of History-Illusion: das Gefühl, man habe sich zwar bisher verändert, hätte mittlerweile aber seinen Endzustand erreicht. Bei mir ist es zu früh für Endzeitstimmung, ich möchte keinesfalls im Jetzt stehenbleiben. Noch mal studieren, zumindest ein Seminar zu Max Frisch belegen. Eine Sprache lernen, Französisch oder Schwedisch, vielleicht beides. Und endlich Klavier. Vielleicht irgendwann auch noch mal alles ganz anders machen. „Mach doch ein Seniorenstudium“, schlägt Simone allen Ernstes kürzlich vor, als wir beim Wein im Barkett zusammensitzen.

Im Gespräch mit der FAZ kommt der achtjährige Jan zu dem Schluss, man solle sich die Zukunft in der Fantasie denken, nicht so, wie sie jetzt ist. Recht hat er. Und man sollte es wie der kürzlich verstorbene Roger Willemsen halten, der meinte: Wenn wir das Leben schon nicht verlängern können, können wir es doch verdichten. Das werde ich tun: Mit dem Auspusten der Geburtstagskuchenkerzen ein noch verdichteteres Leben einläuten. Fantasie dafür ist da, also keine End of History-Illusion für mich. Ich bin bereit, die 30 kann kommen.

Zum Weiterlesen

Hutteman, R. Hennecke, M., Orth, U., Reitz, A. K., & Specht, J. (2014). Developmental tasks as a framework to study personality development in adulthood and old age. European Journal of Personality, 28, 267-278.

Mayer, S. (2016). Die Kunst, stilvoll älter zu werden: Erfahrungen aus der Vintage-Zone. Berlin: Berlin Verlag.

Peetz, J., & Wilson, A. E. (2013). The post-birthday world: Consequences of temporal landmarks for temporal self-appraisal and motivation. Journal of Personality and Social Psychology, 104, 249-266.

Quoidbach, J., Gilbert, D. T., & Wilson, T. D. (2013). The end of history illusion. Science, 339, 96-98.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

psychologie heute-blog.
über bedingungslosigkeit.

2 Feb

Foto von Mariano García-Gaspar

Foto von Mariano García-Gaspar

Bedingungslos zu geben wird oftmals als problematisch empfunden. Bedingungslos zu nehmen scheint jedoch ebenso diffizil. Und wo gibt es sie überhaupt noch, die reine Bedingungslosigkeit, wo das Geben und Nehmen nicht kontinuierlich abgewogen wird? Selbst in der Liebe und beim Recht auf Leben und Unversehrtheit scheint sie nicht immer zu gelten, dabei sind Menschen doch die champions of cooperation. [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Bedingungslos zu geben wird oftmals als problematisch empfunden. Bedingungslos zu nehmen scheint jedoch ebenso diffizil. Das berichtet zumindest Daniel Häni, ein Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens. Beim Salon Sophie Charlotte erzählte er kürzlich, wie er einem guten Freund Geld gab, ohne Gegenleistung, einfach so, bedingungslos. Vielleicht wollte er mal vortesten, wie das eigentlich wäre mit einem bedingungslosen Grundeinkommen. Der Freund, obwohl ein enger, sträubt sich. Auch der nächste hadert, nimmt es dann an, um es seinen Kindern zu geben, lässt es schlussendlich aber doch zurück. Die beiden Freunde, sie tun sich ganz offensichtlich schwer mit der Bedingungslosigkeit.

Menschen unterscheiden sich anscheinend darin, wie gut sie mit Bedingungslosigkeit umgehen können. Tim, der mit mir den Anekdoten Daniel Hänis lauscht, raunt mir zumindest zu: ‚Mir fällt das leicht, ich kann ganz wunderbar bedingungslos annehmen.‘ Er schmunzelt dazu. ‚Und ich?‘, frage ich mich. Mir fallen spontan gute Beispiele dafür und ebenso gute Beispiele dagegen ein. Aber vielleicht liegt es auch gar nicht an der einzelnen Person, sondern vielmehr an der Beziehung zwischen Gebendem und Nehmenden?

Bedingungslosigkeit fällt dann schwer, wenn sie gegen Regeln verstößt, die mehr oder weniger implizit die Beziehung der Beteiligten strukturieren. Unter Peers ist, laut Alan Fiske, das sogenannte ‚Equality Matching‘ verbreitet: Es wird so viel gegeben wie genommen. Kommt es zum Ungleichgewicht zwischen beidem, fühlt sich der Nehmende zu einer Gegenleistung verpflichtet. Bis das Ungleichgewicht ausgeglichen ist, bleibt ein ungutes Gefühl bestehen, eben jenes, das Häni bei seinen Freunden beobachtete. Aus dieser Perspektive betrachtet ist es also keineswegs verwunderlich, dass Freunde dazu neigen, ein Ungleichgewicht zu vermeiden.

Welche Beziehungen ertragen ein Ungleichgewicht?

Ein Ungleichgewicht ist dagegen, so schreibt es Fiske, beim ‚Authority Ranking‘ akzeptiert. Da gibt der Statushöhere, zum Beispiel ein Elternteil, dem Statusniedrigeren, in diesem Fall seinem Kind, mehr als er von ihm bekommt. Von Bedingungslosigkeit kann jedoch auch hier keine Rede sein, schließlich werden Macht und Privilegien auf der einen Seite gegen Schutz und Fürsorge auf der anderen Seite getauscht.

Aber wo gibt es sie noch, die reine Bedingungslosigkeit, die Fiske ‚Communal Sharing‘ nennt? Selbst für die Liebe und das Leben scheint sie nicht immer zu gelten. Zieht in einer Liebesbeziehung das Gefühl eines andauernden Ungleichgewichts ein, sieht man sich mit dem Risiko einer Trennung konfrontiert. Späte Schwangerschaftsabbrüche als Reaktion auf eine schwere Erkrankung des Nachwuchses sind längst keine Seltenheit mehr. Unlängst erhielten Diskussionen über den Höchstpreis lebensverlängernder Medikamenteneuen Aufwind. Und auch Schutz für Menschen, die vor lebensbedrohlichen Zuständen fliehen, wird vielerorts an Bedingungen geknüpft.

Bedingungslose Liebe, bedingungsloses Recht auf Leben und Unversehrtheit gibt es für manche, nicht für alle. Für Fiske mag das nachvollziehbar sein, unsere Beziehungen zueinander beruhen schließlich nicht alle auf einem ‚Communal Sharing‘. Und ganz sicher sollte man über potenziell notwendige, wichtige oder gesellschaftlich akzeptierte Bedingungen diskutieren. Vielleicht kommen wir bei diesen Diskussionen zu dem Schluss, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen zu sozial oder, im Gegenteil, zu unsozial ist. Unabhängig davon erscheint es mir jedoch wünschenswert, uns mehr in Bedingungslosigkeit zu üben, beim Geben wie auch beim Nehmen, schließlich sind Menschen doch die ‚champions of cooperation‘.

Zum Weiterlesen

Fiske, A. P. (1992). The four elementary forms of sociality: Framework for a unified theory of social relations. Psychological Review, 99, 689-723.

Nowak, M. A. (2006). Five rules for the evolution of cooperation. Science, 314, 1560-1563.

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Seit Juli 2014 veröffentlicht die populärwissenschaftliche Zeitschrift Psychologie Heute einen wöchentlichen Blog mit dem Titel ‚Der psychologische Blick‘. Jeden zweiten Dienstag schreibt darin einer von derzeit vier Kolumnisten, darunter die Autorin dieses Blogs, über aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Wissenschaft.

gastkommentar im zeit chancen brief.
mehr professuren und weniger mittelbau!

21 Jan

Zeit Chancen Brief

Die Universitätslandschaft wandelt sich, leider nicht überall zum Guten. Zwar steigt die Zahl der Professuren leicht an, dies geht jedoch, wie der Deutsche Hochschulverband kürzlich feststellte, maßgeblich auf befristete Professuren zurück und kann mit dem Anstieg der Studierendenzahl nicht mithalten. Nicht nur das Betreuungsverhältnis verschlechtert sich so weiterhin, auch das Missverhältnis zwischen wissenschaftlichem Nachwuchs und unbefristeten Professuren spitzt sich zu. Ursachen sind die mangelnden Grundmittel der Universitäten und die wachsende Bedeutung zeitlich befristeter Drittmittel (z.B. von der DFG), die nach Angaben der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften mittlerweile knapp 50 Prozent der universitären Forschungsausgaben ausmachen.

Im Gegensatz zu den finanzstarken Drittmittelgebern können Universitäten zeitlich unbefristete Stellen schaffen. Sie tun das allerdings momentan zu wenig – sondern investieren, zusätzlich zu den Drittmittelgebern, in den Mittelbau und finanzieren dort befristete Qualifikationsstellen. Auf diese Weise verschärft sich das Missverhältnis zwischen Nachwuchs und Professuren. Besser wäre es, wenn die Universitäten ihre Ressourcen nutzten um mehr zeitlich unbefristete Perspektiven zu schaffen – indem sie die Zahl selbstständig forschender und lehrender Professorinnen und Professoren deutlich erhöhen.

Ein solcher Strukturwandel – hin zu mehr Professuren und weniger Mittelbau – muss nicht zwangsläufig etwas kosten, wie die Junge Akademie vorgerechnet hat. Und die Konsequenzen sind vielversprechend: Es ergeben sich bessere Perspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs, die auch nachdrücklich vom Wissenschaftsrat und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung eingefordert werden. Es schafft darüber hinaus mehr personelle Ressourcen für die Einwerbung von Drittmitteln. Aufgaben der Lehre, Prüfung und Selbstverwaltung würden zudem auf mehr Schultern verteilt, was nicht nur das Betreuungsverhältnis verbesserte, sondern den Professorinnen und Professoren auch mehr Zeit für Forschung verschaffte. Ein Wandel hin zum Besseren ist möglich – wer macht mit?

Jule Specht ist Juniorprofessorin im Fach Psychologie an der Freien Universität Berlin und setzte sich als Mitglied der Jungen Akademie kürzlich mit der Berufungspraxis bei Juniorprofessuren auseinander.

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Dieser Gastkommentar erschien heute im ZEIT Chancen Brief. In diesem kostenlosen Hochschul-Newsletter der Wochenzeitung DIE ZEIT werden montags und donnerstags Berichte zu hochschulpolitischen Themen zusammengestellt. Anmelden kann man sich dafür hier.

psychologie heute-blog.
über funktionale angst.

8 Dez

Foto von Aitor Aguirregabiria

Foto von Aitor Aguirregabiria

Die Angst grassiert. Selten hat sich ein Gefühl der Angst so schnell und weit verbreitet wie nach den jüngsten Anschlägen in Paris. Zur gleichen Zeit wird die Angst, die sich mit Wucht in den Alltag der Menschen gedrängt hat, einhellig als zu bekämpfendes Übel angesehen. Aber ist diese Angst wirklich unangepasst? [Dieser Text erschien zuerst im Blog der Psychologie Heute und kann seit Dezember 2017 nun auch hier gelesen werden.]

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Die Angst grassiert. Selten hat sich ein Gefühl der Angst so schnell und weit verbreitet wie nach den jüngsten Anschlägen in Paris. Der Tagesspiegel titelt schon wenige Stunden nach den Attentaten ‚Paris in Angst‘ und liefert dazu eine besorgniserregende Chronik des Grauens. Auch eine Woche danach bleibt Paris für die Süddeutsche Zeitung die ‚Stadt der Angst‘ und es wird kein schnelles Ende dieses Zustands prophezeit. Ebenso erkennt die FAZ eine tiefsitzende ‚Angst in der Stadt der Liebe‘, ersichtlich an den leergefegten Straßen, Plätzen und anderen öffentlichen Orten.

Zur gleichen Zeit wird die Angst, die sich mit Wucht in den Alltag der Menschen gedrängt hat, einhellig als zu bekämpfendes Übel angesehen. Das Weiße Haus twittert sogar, die mächtigste Maßnahme sei nun, zu zeigen, dass man keine Angst habe. Auch in Deutschland wird eine Abkehr von der Angst propagiert. Die tazruft dazu auf, um die Freiheit im öffentlichen Raum zu erhalten und auch der Stern argumentiert, Angst sei die falsche Antwort auf die Anschläge. Während in der Zeit hoffnungsvoll stimmende Anekdoten darauf hindeuten, wir hätten keine Angst, überführt die Welt dann doch die Lüge in ‚même pas peur‘.

Die kollektive Angst scheint dysfunktional, zumindest suggeriert das die klaffende Lücke zwischen dem vorherrschenden und dem anscheinend allseits empfohlenen Gemütszustand. Aber ist diese Angst wirklich unangepasst? Aus psychologischer Sicht scheint es sich nicht um eine akute Angst zu handeln, für eine Emotion dauert sie schlichtweg zu lang an. Es scheint sich auch um keine pathologische Form der Angst zu handeln, da schon allein ihre Verbreitung gegen ein normabweichendes Einzelphänomen spricht. Vielmehr scheint es zu einer kollektiven Verstärkung der Ängstlichkeit, einer Facette des Neurotizimus, gekommen zu sein.

Diese Ängstlichkeit ist damit ein Aspekt der Persönlichkeit. Sie beschreibt, wie stark eine Person zu angstbezogenen Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen neigt. Charlotte Roche beschrieb das eindrücklich mit den Worten: ‚Ich denke einfach, ich muss gewappnet sein für das Schlimmste, was passieren kann.‘ Selbst wenn alles gut scheint, denke sie ‚ja, schon gut, aber wir wollen uns nicht zu sehr entspannen, weil nachher kommt das Schicksal‘. Ängstliche Menschen sind erst dann beruhigt, wenn sie neben einem Plan A und B, zumindest noch einen Plan C in der Hinterhand haben.

Selbst eine hohe Ängstlichkeit kann gesund und angepasst sein. Aber natürlich provoziert sie unangenehme Gefühle, geht mit vielen Sorgen und geringem Wohlbefinden einher. Reicht das, um eine geringere Ängstlichkeit zu empfehlen? Um damit den Erfolg der Attentäter zu schmälern? Um damit den Erfolg der Attentäter zu schmälern? Oder Überreaktionen zu verhindern, zu denen dann auch irrationale politische Reaktionen zählen dürften, wie die Ausweitung der Überwachung? Zum Glück spielt uns dabei zumindest langfristig die Zeit in die Hände: Mit dem Alter mindert sich nämlich im Allgemeinen der Neurotizismus und darüber hinaus erwartet Borwin Bandelow, Präsident der Gesellschaft für Angstforschung, dass sich der Mensch mit der Zeit auch an die Terrorangst gewöhnen wird.

Die Angst ist da, das lässt sich kaum leugnen, auch wenn man es sich vielerorts anders erhofft. Gleichzeitig scheint es aber keine pathologische, sondern eine vorübergehende Angst zu sein, die durchaus funktional sein kann. Negative Ereignisse kommen selten allein, sondern treten leider meist gehäuft auf. Der Mensch passt sich daran an, in dem er sich in eine Habachtstellung begibt. Diese gesteigerte Ängstlichkeit hat sich in empirischen Studien bereits als funktional erwiesen, weil sie uns dazu drängt, für uns Sorge zu tragen. Wir sollten diese Form der vorübergehenden Ängstlichkeit deshalb zulassen.

Zum Weiterlesen

Headey, B., & Wearing, A. (1989). Personality, life events, and subjective well-being: Toward a dynamic equilibrium model. Journal of Personality and Social Psychology, 57, 731-739.

Roberts, B. W., Smith, J., Jackson, J. J., & Edmonds, G. (2009). Compensatory conscientiousness and health in older couples. Psychological Science, 20, 553-559.

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